Marcel GÄhler
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Text

Verschiedene Texte aus Presse und Publikationen:

Kathleen Bühler (2015)
Marie Larrivé (2012)
französisch
Peter Stamm (2012)
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Stefan Koldehoff (2012)
Dr. Matthias Frehner (2008)
Dominique von Burg (2006)
Peter Stamm (2004)
deutsch english
Urs Steiner (2004)
Sylvia Rüttimann (2003)



Kathleen Bühler (2015)

Kunstpreis Zollikon 2015 – Laudatio

Das Zeichnen in Schwarz-Weiss gehört ohne Zweifel zu den Hauptmedien von Marcel Gähler. Nur gelegentlich, wenn er es für sich selbst wieder interessanter machen will, wie er freimütig zugibt! greift er auch zu Aquarell oder Ölmalerei und wechselt zu Farbe. Dass man als Zeichner künstlerisch ausgezeichnet wird, ist gar nicht so selbstverständlich, zumal man sich mit dieser Technik mehreren Vorurteilen aussetzt.

Erstens: dass es zu einfach sei, weil wir alle in der Schule zeichnen gelernt haben; zweitens: dass es nur um das Abbilden der Realität gehe und daher reine Fleissarbeit, ohne intellektuelle Tiefe, sei, sowie drittens: dass es altmodisch sei, weil man mit der Kamera bezüglich Wirklichkeitswiedergabe viel effizienter wäre.
All dies und mehr hat Marcel Gähler mit seinem Schaffen kontinuierlich widerlegt. So geht es bei ihm mitnichten lediglich darum, die Realität abzubilden. Vielmehr muss man sich bei seinen Werken stets fragen: welche Realität? Die ungeschönte, unvermittelte oder die idealisierte, verfremdete? Komplex wird die Sache weil der Künstler immer mit fotografischen Vorlagen arbeitet: es also nie um die unmittelbare Realität, sondern um ein Bild davon und seine Wirkung geht. Waren es zunächst gefundene Fotografien, die ihm quasi als Skizze dienten, sind es seit 2001 ausschliesslich eigene Fotografien sowie seit jüngerer Zeit vom Bildschirm abfotografierte - sogenannte Screen shots. Die Fotovorlagen werden nicht digital manipuliert sondern ausgesiebt, bis der Künstler unter seinen Tausenden von Schnappschüssen dasjenige
findet, welches ihn fasziniert. Doch was fasziniert Marcel Gähler eigentlich?

In den ersten zehn fahre seines Schaffens sind es menschenleere Quartierstrassen in der Nacht, für den Winter eingerüstete Gartenbeete in Schrebergärten, verlassene Baustellen bei Wind und Wetter, Blicke Auf trostlose Brachen und düstere Hausfassaden. Der Künstler geht bevorzugt bei schlechtem Wetter abends auf seine Streifzüge, wenn niemand sonst unterwegs ist und wenn alle Blitzlichtaufnahmen die Qualität von Tatortbildern annehmen. Seine schräg ins Dickicht fotografierten Büsche wirken wie der Blick eines Täters auf der Flucht Seine steil aufragenden Baustellen und verlassenen Gebäude sind voller latenter Gefahren, die abgedeckten Gartenbeete muten wie hastig zugeschüttete Gräber an. 

Die Alltagsumgebung erscheint fremd und feindselig, es herrscht eine mysteriöse Atmosphäre voller Geheimnisse und böser Vorahnungen. Und immer wieder rieselt der Schnee: die einzelnen Flocken fallen gross und kalt direkt ins Auge. Das, was normalerweise harmlos und heimelig ist, erscheint abweisend ungemütlich und kalt. Marcel Gähler nutzt Sigmund Freuds Beobachtungen zum Unheimlichen, um dem Vertrauten und grundsätzlich Unspektakulären eine neue Facette abzugewinnen. Freud untersuchte bereits 1919 die Psychologie des Unheimlichen und stellte fest dass es diejenige Art des Schreckhaften sei, die auf das Längst vertraute und ,,Anheimelnde" zurückgehe. Bei der Erfahrung des Unheimlichen werden verdrängte infantile Ängste oder überwunden geglaubte primitive Überzeugungen wieder belebt und bestätigt Beispielsweise, dass Tote zurückkommen sowie Geister oder böse Orte existieren. Indem etwas, was normalerweise alltäglich und vertraut scheint, plötzlich anders ausschaut und aus einer anderen Perspektive wahrgenommen wird, werden diese alten Befürchtungen aktiviert. Schon mit diesen frühen Werken sehen wir, dass Marcel Gähler nicht einfach Realität abbildet, sondern die Realität befragt: was
sehen wir üblicherweise? Was verdrängen wir? Weshalb ist unsere aufgeklärte, durch und durch erforschte und moderne Welt so voller Geheimnisse, Rätsel und Ängste? Gählers Zeichnungen sind ausgesprochen filmische Bilder. Die formalen perspektivischen Verzerrungen und grellen Lichterscheinungen erinnern an Film und Fernsehen. Der Schwenk ins Untergehölz oder über die abgedeckten Erdhügel gehört zum Standard Repertoire vieler Krimis. Auch die beengte Perspektive, die uns nirgends einen Überblick erlaubt, kennen wir von Horrorfilmen, wenn der Täter von ausserhalb ins Bild kommt und sein Opfer attackiert. Geradezu leichthändig ruft Marcel Gähler unsere Fernseherfahrungen ab und nutzt unsere Prägung um seine kleinstformatigen - lediglich 6 x 9 cm grossen - Nachtansichten zu grossen atmosphärischen Knallkörpern
zu verdichten.

Als Gegenstück zu den unbehaglichen Aussenbildern können die mittelformatigen Interieurs in Öl gelten. Marcel Gähler hat neben der schwarz-weissen Bleistiftzeichnung immer auch andere Techniken sowie Farbe benutzt, um neue Spielformen des Zeichnerischen zu erproben. Seine farbigen Ölgemälde sind
gleichwohl zurückhaltend monochrom. Es dominiert weniger das Malerische als das Zeichnerische. Und nirgends entsteht der Eindruck von Buntheit. Stattdessen sind es fein nuancierte Valeurs innerhalb derselben Farbpalette, mit einigen wenigen und präzis gesetzten Kontrasten. Auch hier sind es atmosphärische
Ansichten, die der Künstler oft nachts beim Traumwandeln oder ausnahmsweise - im grellen Sonnenlicht - aufgenommen hat. Die Verfremdung entsteht in diesen Werken durch die ungewohnte Ansicht der Zimmer, die aussergewöhnliche Perspektive von schräg unten beispielsweise, bei der ein aufgehängter Mantel auf den ersten Blick wie eine erhängte Person wirkt.

Es sind wieder hauptsächlich Nachtansichten, wie wenn Marcel Gähler suggerieren würde, dass die Nacht ganz andere Gesetze kennt. Wie Francisco Goya verweist er auf die Polarität zwischen dem Tag an dem Logik und Rationalität herrschen, und der Nacht in der diese Prinzipien ausgehebelt werden. Wie wohltuend erscheint dann auf den ersten Blick das sonnengeflutete Schlafzimmer, in das sich gleissende Lichtstrahlen ergiessen und alles eine Aureole bekommt. Doch hier schlägt Marcel Gähler fast ins andere Extrem um. Die Wärme und Helligkeit bekommen fast etwas Bösartiges, wie wenn man einen Sommertag mit Migräne erleben würde. Das Thema der Verfremdung und des neu Erfahrens des Alltäglichen setzt er also auch in Farbe und in Öl gekonnt um, so dass wir Wirklichkeit nicht als alten Bekannten, sondern neuen Fremden erleben.

Ab 2008 kommt ein neues Element hinzu: die Menschen und zwar nicht irgendwelche, sondern Familie und Freunde. Der Künstler begibt sich auf ein weiteres Minenfeld in der Kunst: denn die Preisgabe des Privaten kann schnell sentimental oder befremdend wirken. Doch geht von seinen kleinen Momentaufnahmen ein seltener Zauber aus er zeigt uns Kinder beim Spielen, beim abendlichen Geschichtenerzählen, bei August-Feuerwerk, am Strand, im Winter, beim Theaterspielen, im Zug am Meer und versammelt am Feuer. Sofort werden eigene Erinnerungen an endlose Ferien im Sommer, unbeschwerte Nächte und das Abenteuer des gemeinsamen Verreisens wach. Waren die Werke von Marcel Gähler vorher voller dunkler Vorahnungen und Befürchtungen, sind sie jetzt voller Sehnsucht und wohliger Erinnerungen. Die distanzierte Reflexion der Wirklichkeit ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Das eigentliche Motiv erscheint in einem hellen, leicht schräg zum Bildausschnitt verschobenen Bildfeld. Rundherum ist alles dunkel oder werden Konturen eines Raumes - das getäferte Wohnzimmer – angedeutet. Hier macht der Künstler deutlich, dass er die Ferienfotos beim gemeinsamen Diaschauen nochmals abfotografiert und erst dann zeichnet, Es ist also nicht die Urlaubserinnerung selbst, die er abzeichnet sondern ein Bild davon. Erneut macht er ein Metabild, das den gesellschaftlichen Umgang oder die psychologische Tradition solcher Bilder mit reflektiert. Wir alle haben solche Bilder zuhause: sie dokumentieren nicht nur wichtige und schöne Stationen unseres Lebens, sondern dienen hauptsächlich dem familiären Zusammenhalt Der
Künstler verweist auf den universalen Umgang mit Erinnerung sowie die Verbindung zwischen den Generationen.
Denn schaut man nochmals etwas genauer hin, wird sichtbar, dass klare Hinweise auf unsere Zeit sorgfältig vermieden sind. Wir sehen keine Gebäude, Autos oder Kleider, welche eindeutig auf unsere verweisen. Das Alles könnte sich auch in der Kindheit von Marcel Gähler oder derjenigen seiner Eltern abspielen. Damit offenbart sich eine Verbindung zwischen den Generationen, die über die Art und Weise entsteht, wie wir in unserer Kultur Erinnerungen konservieren und in Erzählungen wachhalten.
Gählers auf den ersten Blick individuellen Erinnerungsbilder reihen sich damit ein, in die in jeder Generation und jeder Zeit wieder neu zu leistende Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit.

Seine jüngsten Werke hingegen widmen sich wieder einem ganz anderen Thema. Es sind Ausschnitte von Youtube-Filmen, welche Marcel Gähler während seines Atelieraufenthalts in Paris im fahr 2013 intensiv zu schauen begann. Diese kombiniert er mit Wasserspeiern von gotischen Kathedralen. Die Filme wurden unmittelbar während und nach9 /11 gedreht Es sind Zeugenaussagen von Feuerwehrleuten, welche eine seltsame Diskrepanz erlebten, zwischen der offiziellen Darstellung der Ereignisse und dem, was sie gesehen und gehört haben. Etwa der Umstand, dass die Hochhäuser eingestürzt seien, weil die Flugzeuge in sie hinein gedonnert sind. Dabei hörten die Feuerwehrleute in den betreffenden Gebäuden ganz deutliche
Geräusche von Sprengzündungen, nachdem die Flugzeuge schon abgestürzt waren. Wer hat nun Recht?

Die Leute, die unter Einsatz ihres Lebens vor Ort und im Hochhaus waren? Oder die Politiker, welche aus ihrer Sicht der Dinge Strategien entwickeln, die bis heute die westliche Aussen- und Wirtschaftspolitik bestimmen? Wer hat ein Interesse daran, die Wirklichkeit zu verfälschen? Und wie wahr ist das, was in den offiziellen Informationskanälen als Wirklichkeit dargestellt wird? Der mediale Wirklichkeitsdiskurs
wandelt sich unvermittelt zur Frage nach Wahrheit und Echtheit.

Marcel Gähler bearbeitet diese Diskrepanz innerhalb des Bildes selbst. Er zeichnet die Aufnahmen, die er ab I-Pad abfotografiert hat und zeigt die bedrückten, erschütterten Gesichter der zweifelnden Menschen während ihre Aussagen als Text ins Bild kommen. Die Unschärfe der Internetfilme sowie die Spiegelung der Umgebung auf seinem Tablet werden zu Bildstörungen, welche die Aussagekraft unterwandern und damit den grundsätzlichen Zweifel an der Wahrheit des Bildes ausdrücken. Unbekannte Motive wechseln ab mit berühmt gewordenen Ikonen: Aufnahmen von Feuerwehrleuten mit Schutzanzügen in den Staubwolken.

Die Wasserspeier dazwischen irritieren. Ist das ein Einschub des Irrationalen? Meint der Künstler damit die einbrechende islamische Gefahr? Nein, eher ist damit unser alter Symbolglaube angesprochen. Denn mit den dämonischen Figuren wollten wir im Mittelalter das Böse abwehren. Das konnten und können wir nach wie vor nicht. Hingegen sind wir als Kunst- oder andere Bildkonsumenten täglich gefordert, die Mechanismen zu erkennen, mit denen ein gewisses Bild der Wirklichkeit festgeschrieben und instrumentalisiert wird. Das kann im Blick auf unsere Umgebung geschehen, wenn wir unsere Umgebung gar nicht mehr richtig wahrnehmen, weil wir nur noch Tourismus-Prospekte und Rosamunde Pilcher-Filme anschauen, die an idyllischen Orten spielen. Wir sehen nicht, wie unser Wohnquartier richtig ausschaut,
und wie es unser Lebensgefühl prägt. Das kann politisch relevant werden, wenn wir über Zonenordnungen, verdichtetes Bauen und Urbanismus-Konzepte abstimmen. Das Nachdenken über Wirklichkeit kann im privaten Rahmen stattfinden, wenn wir über das Verhältnis von Sehnsuchtsbildern und Realität sinnieren und die Art und Weise, wie unsere privaten Erinnerungsfotos eine Realität konstruieren, die es so
vielleicht gar nie gab. Und es kann im öffentlich-politischen Rahmen stattfinden, wenn wir uns bewusst werden, wie Medienbilder für Propaganda eingesetzt werden, um blutige Umstürze zu rechtfertigen, Mit seinen unspektakulären und seinen dramatischen, mit seinen klein- und grossformatigen Zeichnungen und Gemälden hinterfragt Marcel Gähler die Macht des Bildes. Er erprobt es, zeigt uns, was es leisten kann und wie wir - ganz ähnlich wie bei den mittelalterlichen Wasserspeiern, immer noch an die Macht des Bildes glauben wollen, obwohl es auf jede erdenkliche Weise manipuliert werden kann. Das eigentlich Wundersame dabei ist dass er trotz diesem bildkritischen Tun, seit Jahren kleine und grosse Schauwunder schafft. Und dafür allein, meine Damen und Herren, hat er diese Auszeichnung bereits verdient. Deshalb
gratuliere ich ihm an dieser Stelle ganz herzlich und danke für Ihre Aufmerksamkeit.



Kathleen Bühler, 2015



Marie Larrivé (2012)

Quelle est la nature de cette image?

Le travail de Marcel Gähler interroge d’abord quant à la technique utilisée. Au premier regard, on pense se trouver face à une série de photographies extraites d’un album de photos de famille. Les dimensions de ces images, leurs thèmes, l’usage du noir et blanc et le grain soutiennent cette impression. Pourtant, lorsque l’on s’approche, on découvre qu’il s’agit de dessins sur papier réalisés au crayon. Mais sur ceux-ci, aucun trait apparent, chaque masse se fond de manière imperceptible dans la suivante. Le dessin semble être fait d’une poudre légère qui se serait déposée sur le papier. L’espace d’un instant, elle se serait organisée pour créer une image, prête à disparaître au moindre souffle.
Cette fragilité apparente de la technique s’accorde à l’un des thèmes récurrents de son travail: le thème de l’enfance.
Cependant, l’impression de précarité qui se dégage de ses images ne tient pas seulement au thème. C’est aussi et surtout par la façon dont Marcel Gähler le met en scène qu’il acquiert son caractère évanescent. En effet, il ne s’agit pas d’une représentation directe de l’enfance. Lorsque l’on observe plus longuement ses dessins, on s’aperçoit que ces enfants sont les personnages d’un film projeté sur un drap. Par ce moyen, Marcel Gähler parvient à donner de la profondeur et du relief au dessin dans son ensemble en même temps qu’il réaffirme la scène de l’enfance comme une simple image. Il éloigne ainsi cette scène du moment présent et la nimbe d’une certaine irréalité. Si l’on a presque l’impression que l’on pourrait toucher ce drap tendu, l’image projetée au contraire nous échappe, ne peut que glisser sur elle. Cette impression est soutenue par le fait que le film rappelle un film amateur dans la mesure où il est flou et par moment surexposé, alors qu’à l’inverse le dessin, lui, est virtuose. Par un effet de contraste, plus le décor dégage quelque chose de tactile, plus l’image projetée semble insaisissable. Ainsi, ce n’est pas tant le passé qui est rendu sensible que le souvenir de ce passé. Marcel Gähler nous fait pénétrer dans le souvenir lui-même, comme de l’intérieur. Mais là encore, il ne s’agit plus que de la trace de ce souvenir, le souvenir du souvenir. Si les scènes de l’enfance correspondent à des moments de joie, elles sont rendues si lointaines par les nappes de temps qui se superposent qu’elles ne peuvent dégager autre chose qu’une puissante nostalgie.

Marie Larrivé, 2012



Peter Stamm (2012)

"Nie ist die Nacht so dunkel wie in der Kindheit"

Patrick Frey, ISBN 078-3-905929-24-9

Nie ist die Nacht so dunkel wie nach dem Feuerwerk. In der Dämmerung sind wir auf den Hügel gestiegen, wo jedes Jahr der Funken angezündet wird. Wir haben uns einen Becher Apfelsaft vom Stand der Jugendriege geholt und uns auf eine der Festbänke gesetzt. Dann rufen schon die Kinder: Das Feuer wird angezündet. Obwohl jemand Benzin über den Holzstoss gegossen hat, dauert es lange, bis er richtig brennt. In der Ferne sind andere Feuer zu sehen. Vielleicht spielt dort die Blasmusik, vielleicht singt ein Chor oder Würste werden gebraten. Jede Feier ist ein wenig anders, und doch sind alle gleich, sind alle miteinander verbunden zu einem grossen Fest.

Die Kinder fangen an, das mitgebrachte Feuerwerk abzubrennen. Es ist fast windstill, der beissende Rauch hängt in der Luft wie Nebelschwaden. Die Augen sind geblendet vom bengalischen Licht. Der Kleine fängt an zu weinen, er hat Angst vor dem Lärm und zieht uns an der Hand weg vom Festplatz. Dort, wo die Dunkelheit beginnt, ist die Kühle der Nacht zu spüren, das Unheimliche.

Nie ist die Nacht so dunkel wie in der Kindheit. In ihr verbergen sich unbekannte Gefahren, Geister und Hexen und wilde Tiere. Aber sie spendet auch Geborgenheit. Der Raum reicht nur noch so weit wie das Licht einer Kerze, einer Laterne, eines Feuers. Man versammelt sich um die Quelle des Lichts, schaut in die Flammen, erzählt sich Lagerfeuergeschichten, Erinnerungen. Dann schwindet das Licht, das Feuer geht aus und die Angst vor der Dunkelheit versetzt uns wieder ganz in die Gegenwart. Die Augen nehmen nichts mehr wahr, umso aufmerksamer werden die Ohren. Neue Räume öffnen sich, Distanzen verändern sich, Richtungen werden ungefähr. Hast du das gehört? Was ist das? Es ist nicht nur der Wind.
Sehr helles Licht ähnelt der Dunkelheit. Am Mittag wirkt der Himmel in den Bergen manchmal fast schwarz. Am Strand blendet uns die Sonne so stark, dass wir kaum noch etwas erkennen. Im hellen Licht verschwinden die Farben wie in der Dunkelheit, sie verbleichen, gehen unter im Weiss. Die Mittagsdämonen sind nicht weniger gefährlich als jene der Nacht. Wer in die Sonne schaut, kann erblinden.

Schwarz-weiss ist nicht farblos. Es ist das Medium des Lichts, keine Reduktion, sondern eine Konzentration auf das Wesentliche. Farben sind ungenau, sie sind keine Selbstverständlichkeit. Wir haben ihnen Namen gegeben, um uns an sie zu erinnern, aber die Übergänge sind schwer zu bestimmen. Manche Tiere sehen andere Farben als wir, manche sehen gar keine. Millionen von Farben versprechen uns die Grafikkarten unserer Computer, aber es gibt Sprachen, die noch nicht einmal zwischen grün und blau unterscheiden. Gemäss dem Duden stammt das Wort gelb von gelo, glänzend, schimmernd, ab und das Wort blau von bl?o, schimmernd, glänzend.

Buntheit ist Gebot. Wenn unsere Kinder für ihre Zeichnungen nicht alle Farben des Malkastens verwenden, diagnostizieren wir eine Entwicklungsstörung. Dabei malen Kinder viel lieber monochrom als bunt. Einer der nutzlosen Ratschläge, die Eltern ihren Kindern geben: Nimm doch mal eine andere Farbe.

Ich habe den Verdacht, wir träumen schwarz-weiss. Ich glaube, unsere Erinnerungen sind weniger farbig als die Welt, die uns umgibt. Sie sind keine Filme in HD oder 3D, sondern Diaprojektionen auf eine schwankende Leinwand in einem zu wenig verdunkelten Raum. Keine bewegten Bilder, sondern Momentaufnahmen, die zugleich scharf und unscharf sind, scharf in ihrer Erscheinung, die alle Sinneswahrnehmungen beinhalten kann, unscharf, was ihre Herkunft betrifft, selbst wenn wir sie dank unserer Agenden einem Jahr, einem Monat, sogar einem Tag zuordnen können.
Sommerferien 2007 an der Costa Brava, ein Schlittelausflug mit einer befreundeten Familie in den letzten Weihnachtsferien, eine 1.-August-Feier, in welchem Jahr war das? Da muss M. fünf oder sechs Jahre alt sein. Und wer ist das da im Hintergrund? Gehört der zu uns? Ein Fremder, der doch nicht viel fremder ist, als wir uns selbst geworden sind auf diesen Bildern. Sind nicht überhaupt nur Fremde darauf? Hat sie nicht ein anderer gezeichnet? Aber in der Kunst werden aus Individuen Stellvertreter und wir erkennen fremde Bilder als unsere eigenen. Manche Kunstwerke scheinen mehr von uns zu erzählen als unsere Ferienschnappschüsse.

Über die Badeanzüge werden wir in einigen Jahren lachen, über die Frisuren. Kannst du dich an dieses Kleid erinnern? Den Kindern wird ihr voriges Ich ein wenig peinlich sein, ihr Babyspeck, ihre unschuldige Nacktheit. Aber die Gefühle, die von diesen Bildern hervorgerufen werden, verlieren nicht an Kraft, werden nicht älter. Manchmal scheinen sie über die Jahre sogar an Prägnanz zu gewinnen und stärker zu werden oder wenigstens deutlicher, zwei Wochen am Meer destilliert in ein Bild.

In unserer Erinnerung haben wir keinen Lebenslauf, nur Lebenserfahrungen. In ihr kann das Gestern weiter zurückliegen als ein Tag von vor zehn oder zwanzig Jahren. Dazwischen sind Lücken, die Monate oder Jahre ausmachen. Erinnerungen sind wie weit entfernte Höhenfeuer in einer nächtlichen Landschaft, Lichtquellen, um die sich ein paar Menschen geschart haben aus Angst vor der Dunkelheit.



"The Night Is Never As Dark As It Is in Childhood"

Patrick Frey, ISBN 078-3-905929-24-9

The night is never as dark as it is after fireworks. We climbed up the hill at twilight where they light the bonfire every year. We bought a cup of apple juice from the Youth Association’s stand and sat down on one of the benches. The children are already shouting: they’re lighting the fire. Although somebody poured fuel over the pile of wood, it takes a long time until the fire is blazing. You can see other fires in the distance. Maybe a brass band is playing over there, maybe a choir is singing, maybe someone is roasting sausages. Every celebration is a little different and yet they are all the same, they all blend into one great celebration.

The children start setting off the fireworks they've brought along. It is almost windless; the acrid smoke lies suspended in the air like wisps of fog. The bright light of the Bengali firecrackers is blinding. The child starts crying, he's afraid of the noise; clinging to our hands, he pulls us away from the celebration. There, where the darkness begins, you can feel the cool night, its uncanniness.

The night is never as dark as it is in childhood. Hidden there are unknown dangers, ghosts and witches and wild animals. But it also offers shelter. The space is only as large as the light of the candle, a lantern, a fire. People gather around the source of light, look into the flames, tell fireside stories, memories. Then the light flickers, the fire goes out and the fear of darkness abruptly transports us back to the present. Being unable to see anything sharpens the sense of hearing. Rooms open up, distances change, directions become approximate. Did you hear that? What is it? It’s only the wind.

Extremely bright light resembles darkness. At noon, the sky in the mountains sometimes looks almost black. At the beach, the sun is so strong that we can hardly make anything out. Colours disappear as much in bright light as they do in darkness, they fade, drowning in white. The noon demons are no less dangerous than the nocturnal ones. Looking at the sun can make you blind.

Black-white is not colourless. It is the medium of light, not a reduction but rather a concentration on essentials. Colours are imprecise, they are not to be taken for granted. We have given them names in order to remember them but the transitions are hard to distinguish. Some animals see different colours than we do, some see none at all. The graphics cards in our computers promise millions of colours but some languages don’t even differentiate between green and blue. Etymologically the word yellow comes from the Indo-European ghel- meaning bright and shiny, and the word blue from the Indo-European bhel- meaning shiny and bright.

Colourful is an order. When our children draw without using all the colours in their paint boxes, we diagnose a developmental disorder. Children actually much prefer painting in monochrome colours. One of the useless bits of advice that parents give their children: why don't you try a different colour.

I suspect that our dreams are black-and-white. I think our memories are less colourful than the world around us. They are not films in HD or 3D but rather slideshows on a wobbly screen in a room that isn’t dark enough. Not moving pictures but snapshots that are both sharp and blurred: sharp in appearance, which can involve all sense perceptions; blurred in origin, even when we can assign a year, month, and even a day to them by consulting our diaries.

Summer holidays 2007 at the Costa Brava, a sledding excursion with friends and their children during the last Christmas holidays, an August First celebration, what year was that? M. must've been five or six years old at the time. And who’s that in the background? Is he with us? A stranger, who is actually not much stranger than we ourselves have become in these pictures. In fact, isn’t everyone there a stranger? Didn’t someone else draw that? But in art, individuals turn into deputies and we recognize alien pictures as our own. Some works of art tell us more about ourselves than our own holiday snapshots.

In a few years we’ll laugh about the bathing suits, the hairdos. Can you remember wearing this dress? Children will be a little embarrassed by their previous selves, their baby fat, their innocent nudity. But the power of the emotions evoked by these pictures does not fade, does not age. Sometimes, as years pass, they become even more powerful and compelling or at least more obvious, two weeks at the seaside distilled in a picture.

We have no resumé in our memories, only summed up experiences. Memory can make yesterday seem farther away than a day ten or twenty years ago. There are gaps in between, of months or years. Memories are like distant bonfires in the night-time landscape of the Alps, sources of light, around which a few people huddle for fear of the darkness.



Stefan Koldehoff (2012)

Monopol, Nr. 2/2007, Februar

In der romantischen Literatur gibt es die Idee von der einen Sekunde, bevor der neue Tag beginnt. Da stehe die ganze Welt für einen Augenblick still: Kein Blatt raschelt, kein Vogel singt. Danach erst bricht der erste Lichtstrahl durch das Dunkel. Immer wieder haben Künstler versucht, diese eine Sekunde einzufangen. Der Schweizer Marcel Gähler zählt zu den wenigen, denen es gelungen ist. Schon als Fotos wären seine Bilder grossartig: Nachtaufnahmen in Schwarzweiss von undefinierten Orten, die trotzdem einen hohen Wiedererkennungswert haben: Häuserfassaden und Unterholz, Zäune und Wegränder, Gärten im Regen und unter Schnee. Oft scheint es, als sei versehentlich fotografiert worden: Mal liegt der Horizont diagonal, mal wurde nur Boden aufgenommen, mal ist die Aufn ahme verwackelt. Wo geblitzt wurde, reflektieren unwichtige Nebensächlichkeiten wie ein verdorrter Ast oder Schneetreiben das Licht, und die Gegenstände werfen harte Schlagschatten auf den Boden. Gählers Notate stiller Alltäglichkeiten zu nächtlicher Stunde, in ihrer Banalität brillant, hat jeder schon einmal gesehen. Sie funktionieren deshalb auch als Katalysatoren der Erinnerung. Doch was Gähler ausstellt, sind nicht die Fotografien. Der Absolvent der Zürcher Hochschule für Gestaltung und Kunst benutzt seine Aufnahmen als Vorlagen für filigrane kleinformatige Bleistiftzeichnungen und für Aquarelle. Aus der Distanz haben vor allem Gähler. Der Absolvent der Zürcher Hochschule für Gestaltung und Kunst benutzt seine Aufnahmen als Vorlagen für filigrane kleinformatige Bleistiftzeichnungen und für Aquarelle. Aus der Distanz haben vor allem Gählers Bleistiftzeichnungen konzeptuellen Charakter. Nur sechs mal neun Zentimeter gross, einheitlich unter Glas gerahmt und in regelmässigen Abständen nebeneinander gehängt, wirken sie in Ausstellungen als monochrome serielle Reihung ebenso wie als Einzelbilder. In Deutschland waren Gählers Arbeiten erst einmal in einer Einzelausstellung, im Kunstverein Friedrichshafen, zu sehen. Das sollte sich ändern.

Stefan Koldehoff, 2007



Dr. Matthias Frehner (2008)

Von einer Idee getrieben

Marcel Gähler vertieftes Sehen

Alltägliches Sehen: Die realistische Bildwelt von Marcel Gähler ist hermetisch. Er bevorzugt das monochrome Hell-Dunkel. Die jüngste Entwicklung räumt der Farbe indes eine neue, verhaltene Entfaltung ein. Gähler ist ein Künstler der Verdichtung. Seine vorwiegend kleinen Bilder entstehen in grossem Zeitaufwand. Sie zu ergründen ist schwierig. Die Bildgegenstände sind mit Vorliebe banal, unscheinbar. Alltägliches, das gerade deshalb nicht auffällt. Was Gähler zum Bildthema macht, wird normalerweise gar nicht wahrgenommen. Denn normales Sehen ist wertend. Wer aktiv sieht, registriert automatisch das Besondere, das Auffällige und blendet unbewusst das Selbstverständliche als belanglos aus. Oder man registriert die übergeordneten Begriff: Man sagt „da ist eine Wiese“, ohne die Blumen zu sehen, „Wald“ ohne die Bäume zu unterschieden, oder einfach „Gemüsegarten“: Was in den Beeten wächst, wie sie eingefasst sind, dass eine vom Wind zerrissenes Plastikfolie, von einem Stein beschwert, im Wind flattert, all das ist für die Alltagsorientierung nicht von Bedeutung.
Tatsache ist, dass das alltägliche Sehen gerade das Alltägliche nicht registriert. Wer mit dem Velo durch eine Schrebergartenkolonie fährt, sieht auf den Weg, bemerkt Personen, Auffälliges. Alles andere schliesst sich zum diffusen Hintergrund. Wo, wie in unserer Zeit, viele Informationen zu verarbeiten sind, hat man gerne neutrale Hintergründe. In aktuellen Theaterinszenierungen und Ausstellungsinszenierungen liefern „White boxes“ den idealen Kontrastraum für die Akteure. Ablenkung ist nicht gefragt. Unsere Sehgewohnheit reduziert alles nicht Spektakuläre zu Hintergrundssound. Deshalb finden so viele Zugreisende die Landschaft, die sie durchqueren, langweilig. Wer so reist, registriert bloss das Unvorhergesehene und angekündigte Sehenswürdigkeiten. Diese werden dann allerdings auch mit der Kamera festgehalten – fast immer aus denselben vorgegebenen „idealen“ Standpunkten und Blickwinkeln.

Das Langweilige: Marcel Gähler geht gegenteilig vor: Er sucht absichtlich nach dem, was die überwältigende Mehrheit nicht sieht, was ihr ihre Wahrnehmungsfilter unterschlagen. Für seine Aufnahmen bevorzugt er verborgene Standorte, die sonst niemand wählen würde. Von hier aus erforscht er die grosse, weite Domäne des Langweiligen. Ihn interessiert zum Beispiel der Gemüsegarten, den der ausländische Gastarbeiter – für das öffentliche Interesse ein Sandkorn im Grau des Langweiligen – irgendwo im urbanen No man’s land angelegt hat. – Gähler ist jedoch nicht der einzige Kunstschaffende im Territorium des Langweiligen. Das „normale“ Leben ist heute eine der ergiebigsten Forschungsfelder der Gegenwartskunst. Dabei ist die Schrebergartenkolonie besonders beliebt. Peter Fischli & David Weiss griffen 1997 selbst zu Hacke und Setzholz und demonstrierten in Münster, dass Kopfsalat und Sellerie, Lauch und Kohlkopf das verlorene Paradies bedeuten. Aber auch Schrebergärtnerinnen und -gärtner mit Kind und Kegel, ihre Häuschen und Grillkamine samt Gartenzwerg und Plastikplantschbecken, ihr Sitten und Rituale mobilisieren heute Heerscharen von Künstlerinnen und Künstlern. Die Langeweile dieser Orte wird zu einem neuen digitalen Biedermeier verarbeitet und dient als Quelle ebenso zahlloser soziokultureller Recherchen

Das Unheimliche: Gähler unterscheidet sich vom Mainstream. Ihn interessiert nicht der folkloristische Aspekt des Gewöhnlichen als Ausdruck einer neuen Paradiesesgegenwart. Er spürt den Ränder nach, dort wo das Langeweile ins Unheimliche und Fremde kippt. Er pirscht nicht als Voyeur durch Stachelbeerstauden, um bei Sommersonnenlicht familiäre Gärtneridyllen festzuhalten. Er kommt, wenn niemand da ist, des nachts, im Spätherbst und Winter, wenn die Beete abgeerntet und verlassen sind. Wenn nur noch Vertrocknetes und Verfaultes herrumliegt und die zerrissenen Plastikfolien längst nur noch an den gebastelten Holzgerüsten flattern.
Doch nicht nur Nutzgärten sucht Gähler auf. Schrebergärten liegen üblicherweise in urbanen Entwicklungsräumen. Sie werden von Neubauten verdrängt. Im Winter verlassene verschneite Baustellen sind für diesen Künstler ebenso magische Orte wie Gestrüpp, das auf Baubrachen wuchert. Auf seinen Streifzügen hat er auch – immer des Nachts – vor Einfamilienhäusern den zugeschneiten Rasen unter Sträuchern aufgenommen, in einer Baumschule junge Tännchen, oder ebenfalls im Wald, den Himmel zwischen Wipfeln fotografiert
Solche Bildmotive finden sich überall auf der Welt. Aber Gähler vermittelt auf seinen Aquarellen und Ölgemälden, die er nach den Fotos malt, den Eindruck von einer Situation, wie man sie nirgends zuvor gesehen hat. Diese stets verlassenen, menschenleeren Orte im fahlen Nachtlicht verunsichern. Sie ziehen einem den Boden unter den Füssen weg. Sie machen orientierungslos: Seine Bildern zeigen die vollkommen fremde Welt, in der sich ein Verzauberter in einem Märchen nicht wieder zurechtfinden kann und nicht weiss, ob das Geschaute gut oder böse ist, Freude oder Gefahr bedeutet.

Suggestivität: Nie sind Gärten, Baustellen, Bäume, die man mit dem spärlichen Licht einer Taschenlampe erkundet, fremder als in eisig verschneiter Wintersnacht. Was man im Glanz des reflektierenden Schnees im Lichtkegel des Kamerablitz für Sekundenbruchteile aus dem Nachtschwarz auftauchen sieht, bleibt irritierend unfassbar. Dass es sich bei Gählers Nachtbildern um abgemalte Blitzlichtaufnahmen handelt, machen Lichtreflexe auf Eis, Metall- und Plastikflächen ebenso deutlich wie Kondensationstropfen auf der Kameralinse. Das Nichtverschweigen, dass seine Aquarelle und Ölgemälde fotografierte Wirklichkeit in Malerei übersetzen, sollte eigentlich eher die Objektivierung der Bildaussage befördern. Dem ist jedoch nicht so.
Die Bilder der gemalten Fotos sind ungemein suggestiv. Die Flächen, die Licht reflektieren, drängen in den Vordergrund. Diese Lichtflächen liegen wie ausgeschnittene Schablonen auf dem undurchdringbaren Schwarz des Grundes. In der Nacht sind alle Katzen schwarz. Aber ich erkenne selbst in der schwärzesten, wenn ich von ihm zusätzliche Signale erhalte, meinen rotgetiegerten Kater wieder. Genauso funktionieren Gählers Nachtbilder. Wobei es sehr schwierig ist, diese zusätzlichen Signale zu benennen. Sie gehen nicht von dargestellten Gegenständen aus, sondern vielmehr von der Malerei, der Zeichnung selbst. Gähler vermag Stimmungen zu erzeugen, die weit über das fotografisch Erfasste hinausreichen. Insofern ist die Frage überflüssig, wieso er Fotos überhaupt abzeichnet und abmalt. Das Diffuse seiner nächtlichen Stimmungen erschafft Momente, wo die gesehene Wirklichkeit durchlässig wird. In Gählers Bildern, die unendlich viel mehr andeuten, als sie preisgeben, werden auf geradezu magische Weise die individuelle Erinnerung der Betrachterinnen und Betrachter aktiviert.

Fotorealismus: Marcel Gählers Grau- und Schwarzmalerei steht in der Tradition des Fotorealismus. Mit Gerhard Richter, der übergrossen Vaterfigur aller heute aktueller gegenständlicher Malerei, hat sich Gähler genau befasst. Prinzipiell ist zu sagen, dass er ebenso nach Fotografien malt, jedoch nicht nach gefundenen und ausgewählten, sondern stets nach selbst geschossen. Gerhard Richter ist seine photorealistische Graumalerei der sechziger Jahre ein Mittel der Distanznahme zum medial verbreiteten Bild, das Inhalte zu Schlagworten komprimiert. Ein Motiv, das Foto eine Verwandten in Naziuniform oder das Gruppenporträt ausgelassener Studentinnen, wird in Richters realistischer Pop art soweit versachlicht, dass alle Bildteile gleichpräsent werden. Mit dieser Nivellierung demaskiert Richter das korrupte Presse- und Werbebild, dessen eigentliche Inhalte von Gesellschaftsstrate­gen agitatorisch manipuliert worden sind. Gähler decodiert seine Bildgegenstände nicht, er interessiert sich nicht für das Agitationspotential plakativer Oberflächen, und er demonstriert auch keinen Gesellschaftsdiskurs. Er dringt in die Bildtiefe ein. Er benutzt seine Fotos als individuelle Stimmungsauslöser, die Dinge evozieren, die gar nicht direkt darstellbar sind.

Romantik: Dieser Ansatz ist romantisch. Wenn Caspar David Friedrich auf seinen berühmten „Kreidefelsen auf Rügen“ 1818 mit grösster Hingabe die Oberflächen abgedorrte Äste und simplen Unkrauts schildert, als wären diese aus kostbarster Seide, dann geht es ihm darum, aufzuzeigen, dass das Göttliche selbst das Geringste durchdringt. Gähler ist kein religiöser Künstler, auch kein Pantheist. Aber Friedrichs totes Geäst und Gählers vergammelten Kohlstrünke sind sich doch seltsam nahe. Auf Friedrichs Bild geht die Sonne unter, das Übergangslicht verweist auf Nacht und Tod, jedoch auch schon auf die Wiedergeburt des neuen Tags.

Gählers Nächte werden durch die dumpfen Lichtkegel von Taschenlampenlicht erhellt. Daraus lässt sich keine Transzendenz und Jenseitshoffnung ableiten wie aus der zyklischen Wiederkehr von Sonne und Mond beim Romantiker. Dennoch kann Gählers Lichtstimmungen ihrem Wesen nach als romantisch bezeichnet werden. Friedrichs Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“ ist ein Hoffnungsbild. Die erhoffte Wiederkehr des Tages ist Gewähr für die Auferstehung nach dem Tod – aber die dunkle Seite der Romantik, der pessimistische Zweifel schwingt in seinen Bildern immer auch mit. Friedrich kannte sehr wohl Angst, Zweifel, Hoffnungslosigkeit – man denke bloss an das Bild „Das Eismeer“, das einen im Packeis zermalmten Seglers zeigt oder auch an „Den Mönch am Meer“ vor dem nihilistisch leeren Nachtraum. Ohne Mönch wäre dieser schwarz leere Himmelsraum ein direkter Vorläufer von Gählers Nachtbildern.

Das dunkle Jetzt: In Kritiken sind Gählers schwarz-graue Nachtbilder bisher häufig kriminalistisch erklärt worden. Er stelle leere Schauplätze von Verbrechen dar, es ginge ihm sozusagen wie einem Polizeifotografen darum, Spuren zu sichern. Nur Opfer oder Spuren eines begangenen Gewaltverbrechens finden sich nirgends: keine Waffe, keine Fussabdrücke, kein Blut, keine verlorenen Gegenstände. Das Unheimliche dieser Bilder sozusagen als Teil eines Krimis zu deuten, greift zu kurz. Da ist mehr als in einem Suchbild. Die Unheimlichkeit geht tiefer, ist allgemeiner. In einer vertrauten Welt sich plötzlich nicht mehr geborgen zu fühlen, die Orientierung zu verlieren, nicht mehr zu wissen, wo man sich befindet – in diese Richtung zielt Gählers Kunst. Sie vermag bei ihren Betrachterinnen und Betrachtern Erinnerungsbilder zu aktivieren und macht dabei bewusst, dass uns die Distanz zur einstmals erlebten Wirklichkeit von dieser entfremdet.

Kontinuität: Die Kunst Marcel Gählers basiert auf der Überzeugung, dass das Wesentliche und Zeitlose überall geortet werden kann. Gähler geht stets von seinen eigenen existentiellen Erfahrung aus. Die ihm vertrauten Umwelt ist sein Experimentierfeld, das Eintauchen in die durch den raschen Konsum versiegelten Bildflächen eine immer wieder neu praktizierte Vorgehensweise. Zu Beginn seiner Malerei stehen Unterwasserbilder, die seine Frau beim Tauchen zeigen. Gähler hat auch sich selbst mit der Unterwasserkamera fotografiert und anschliessend porträtiert. Diese „stummen“ Selbstbildnisse antizipieren das Eintauchen in Tiefenräume, die unter der sichtbaren Oberflächen liegen. In seinen nächtlichen Fotografien eignet dem Dunkel, aus dem die Lichtreflexe aufleuchten, ebenfalls der Charakter einer Flüssigkeit, in die die Gegenwart zum Präparat erstarrt. Diese Hell-Dunkel-Präparate ermöglichen den Betrachtern ein ursprüngliches Sehen. Der Bildgegenstand ist nicht einfach da und kann identifiziert werden. Gähler präsentiert Gegenstände als primäre Objekte, als Urformen. Seine Bilder versetzen ihre Betrachterinnen und Betrachter  paradoxerweise in den Zustand des beinahe Blindseins. Man muss sich daran gewöhnen, nur sehr wenig wahrnehmen zu können, sich von Gegenstand zu Gegenstand fortzutasten und die Objekte und Räume dieser Bilder virtuell zu erkunden. Zur Strategie Gählers gehört auch der permanente Wechsel zwischen Gross und Klein, Nah und Fern. Das wandfüllende Grossaquarell in Grau-Schwarz-Weiss scheint uns in die Kraterlandschaft der Mondoberfläche zu katapultieren. Die Vergrösserung eines nächtlich verlassenen Gartenbeetes mit verfaulten Storzen wird zur Urlandschaft, während im magischen Kleinformat ein von Zweigen verdecktes Stückchen Wand vom Nachbarshaus zum schwarzen Magnetfeld implodiert.

Wandel: Die frühen Schwimmbadbilder sind gedämpft farbig. In den letzten Werken kehrt diese gleichsam submarine Farbigkeit zurück. Doch auch diese Farbigkeit ist limitiert, und zwar erinnert diese Beschränkung an die ersten Farbfotographie, die entweder rotbraune oder hellblaue Bilder ermöglichte. Auf diesen neuen Werken ist mehr zu sehen als auf den schwarz-grauen Nachtbildern. Gähler hat in Gärten fotografiert, einmal erscheit auch ein Wohnblick im Bild. Nie aber Menschen. Gähler begibt sich mit der Kamera immer in die grösstmögliche Distanz zu seinem Motiv, nicht räumlich, sondern inhaltlich. Er fotografiert durch ein Gebüsch, wählt einen Ausschnitt der eine verschneite Verandatreppe unbegehbar macht, einen Wohnblock zur Geisterfassade entmaterialisiert. Die Übertragung der Fotos in Malerei entzieht dem realistischen Bild die Gewissheit, dass das, was man sieht, keine Täuschung sei. Seine Bilder sind wie dünnes Eis. Wer sie zu verstehen sucht, bricht ein in das lauernde Fremde hinter dem Alltäglich-Langweiligen.

Von einer Idee getrieben: Die amerikanische Rocksängerin Patty Smith hat sich am 13. Juni 2008 in einem in Interview in der Neuen Züricher Zeitung über die negativen Seiten der Kommerzialisierung von Kunst und eine dadurch bei den Künstlern ausgelöste inhaltliche Verflachung geäussert: „Es gibt heute einfach zu wenig Künstler, die von einer Idee getrieben werden, die eine Berufung haben. Ich vermisse jedenfalls oft den geistigen Gehalt. Gehalt gibt es in der Kunst aber nur dann, wenn Künstler etwas Grosses erreichen und etwas Neues sagen wollen – es genügt nicht, dass sie irgendetwas Lustiges basteln.“ Ich bin überzeugt, Marcel Gähler, ist ein Künstler, der von einer Idee getrieben wird.“ Er verabscheut grosse Gesten, inszenierte Attitüden, Tabuverstösse, das Aufgreifen aktueller Themen wie das des Geschlechterdiskurses. Seine Bilder der Wirklichkeitsentfremdung sind zeitentrückt. Sie thematisieren Vergänglichkeit und Wirklichkeitsverlust in unspektakulären Bildern, bei denen das im Kegel der Taschenlampe flüchtig ans Licht Geholte immer neu klar macht, dass das Gesuchte im gezeigten Ausschnitt nicht zu finden ist. Diese Malerei führt uns konsequent an die Grenzen unserer Wahrnehmungsfähigkeit. Sie macht beunruhigend deutlich, dass nichts sehen, nicht heisst, dass nichts da sei. Gähler versteht es, Vakuum zu erzeugen, in das er kleine optische Ventile einbaut, die Bilder aus unserer Erinnerung aufsaugen und an den Innenwänden der Glasscheiben, die seine Bildwelten stets umgeben, aufscheinen lassen. Diese Bilder sind eine Erweiterung des aktuellen Malereidiskurses.

Matthias Frehner, 2008



Dominique von Burg (2006)

Zürich : Marcel Gähler in der Römerapotheke

Kunstbulletin

Dominique von Burg : Marcel Gähler eröffnet in filigranen fotorealistischen Zeichnungen, Aquarellen und Ölbildern Szenen einer nächtlichen, kaum beachteten Welt mit unerwarteten Abgründen.

Marcel Gähler ist stets mit seiner Kleinbildkamera unterwegs. Zwischen der Dämmerung und dem Morgengrauen, bei Regen oder Schnee lichtet Gähler belanglose Orte ab: Brachen, Schrebergärten, Wälder und die am Rande von urbanen Siedlungen so typischen Unorte. Mit Vorliebe blitzt er ins Dunkel der Nacht, wählt eine starke Aufsicht oder richtet seine Kamera geradewegs auf den Boden. Meist sind die Fotografien unscharf, verwackelt und unprofessionell. Doch das ist nicht relevant, denn sie dienen ihm lediglich als Vorlagen für hyperrealistische Ölbilder, Aquarelle und Zeichnungen. Das unscharfe Element der Fotografien nimmt Gähler auf und akzentuiert es noch, auch wenn er im winzigen Format von 6 x 9 Zentimetern ungemein präzise und detailliert Bäume, Sträucher, Blätter, die gefrorene Erde und vereinzelt Häuser zeichnet. So detailliert strichelt der in Winterthur lebende Marcel Gähler (*1969, Zürich), dass er sogar die Schneeflocken festhält, die auf der Linse haften geblieben sind. Durch die malerische und zeichnerische Übertragung wird zunächst die Zeit zurückgedreht. Was zuvor dem schnellen, uninteressiert dahinschweifenden Blick entgangen war, in der Fotografie jedoch enthalten ist, kristallisiert sich nun durch den langsamen Übertragungsprozess in den Bildern verstärkt heraus. Dadurch sind die Bilder mit Bedeutung aufgeladen und lassen der Interpretation freien Lauf. Durch die Wahl eines engen Ausschnitts, den Gegensatz zwischen Licht und Dunkel, Schwarz und Weiss - selten verwendet Gähler Farben - schleicht sich eine andere Dimension ein. Diese ist nicht nur atmosphärischer Natur, sondern eröffnet sich in innere Landschaften und konfrontiert uns mit entrückten Erinnerungen und diffusen Gefühlslagen. Angesichts einer verzogenen Hausfassade im Regen kriecht einem die Trostlosigkeit des anbrechenden Morgens in die Knochen. Während das Skelett eines blatt-losen Strauches im Schnee an das Verlöschen, das Ende jeglichen Seins gemahnt, evozieren Baumspitzen, die in einen milchig trüben Himmel ragen, ein Caspar David Friedrich'sches winterliches Landschaftsstück. Unheimlich wird es, wenn der Blick auf ein mit Plastikhüllen abgedecktes Gemüsebeet gelenkt wird. Während der Vorder- und Mittelgrund im grellen Schein des Blitzlichtes aufleuchten, ist der Hintergrund in absolute Schwärze getaucht und die Abdeckung nimmt eigenartig anthropomorphe Formen an. Während die stimmungsvolle Dichte und oft unheilschwangere Atmosphäre, welche in den Zeichnungen vorherrschen, sich erst aus der Nähe erschliessen, entfalten sich die mittelgrossen Aquarelle und Ölbilder mit den ähnlichen Motiven schon von Weitem. Sie wirken harmonisiert, atmen jedoch eine mystische Weite.

Dominique von Burg, 2006



Peter Stamm (2004)

aus "Marcel Gähler, Bleistift auf Papier", Edition

Patrick Frey, ISBN 3-905509-51-2

Der Kopf erwacht zuerst. Der Körper wehrt sich noch. Aufstehen, wenn es draussen dunkel ist. (Eine Kindheitserinnerung. Die Schule beginnt um zehn nach sieben, und der Winter nimmt kein Ende. Nicht einschlafen wollen, um nicht erwachen zu müssen in der Dunkelheit. Die Brutalität dieses Erwachens, die sinnlosen Versuche, dem Tag wieder zu entkommen in
den Schlaf.) Die kraftlose, lähmende Müdigkeit des Morgens, ein Gefühl des Sinkens. Sich ungewaschen an den Schreibtisch setzen. Schreiben als eine Form des Aufwachens. Eine Form finden in der amorphen Nacht. Nur die Form kann uns vor dem Inhalt retten.
Das Feuer im Kamin ist längst erloschen. Saurer Rauch hängt in den Räumen des Hauses. Alle Lampen anzünden und eine erste Zigarette, die geschmacklos ist und kratzt im Hals. Die überraschende Kälte, die das Haus umgibt, die mich umgibt. Der Körper hat sich über Nacht abgekühlt. Es gibt keine warmen Kleider, die Kleider hemmen nur den Wärmeaustausch. Die Welt scheint flacher als sonst. Die Nacht ist kein Raum, sie ist eine Ebene, sie ist ein Bild. Die Zeit scheint stillzustehen wie in einer Fotografie, wenn eine Hunderstelssekunde zur Ewigkeit wird. Die Überraschung ist gross, wenn sich über Nacht etwas verändert hat, wenn es geschneit hat, wenn Tiere im Schnee Spuren hinterlassen haben, unerklärliche Wege. Alles kann jetzt die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, eine Oberfläche, der Lichtkegel einer Strassenlaterne, das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos. Das Rauschen einer Belüftungsanlage scheint unglaublich laut und wichtig. Nichts hat einen Anfang oder ein Ende. Die Bilder der Erinnerung, die Bilder der Träume sind wie Bilder aus der Nacht, hell im Zentrum und nach aussen verschwommen. Sie haben keinen Rand, verlieren sich in der Dunkelheit. Ein kleiner Ausschnitt, vom Licht einer Taschenlampe herausgehoben aus einer endlosen Ebene. Der verengte Blick.
Der erschreckende Gedanke, dass Licht etwas ist und Dunkelheit nichts. (Wenn die Batterien der Taschenlampe schwächer werden, die Lampe nur noch glimmt und man sie nahe an die Dinge führen muss, um überhaupt noch etwas zu sehen, wenn die Lampe schliesslich erlöscht, wie eine müde gewordene Sonne.) Der Gedanke, dass die Dunkelheit der Normalfall ist, das Nichts. "Wüte", schrieb Dylan Thomas, "Wüte gegen das Sterben des Lichts." Das sinnlose Wüten.
Mir fallen die Londoner Vögel ein, die mitten in der Nacht schon zu singen anfingen. Und jene seltsame Zeitungsmeldung, dass die Vögel mit den grössten Augen am Morgen als erste zu singen anfingen. Beim dritten oder vierten Kaffee dämmert es draussen. Auf dem Weg zum Bahnhof begegne ich Menschen mit erschrockenen Gesichtern, mit fiebrig roten Wangen, die Augen weit aufgerissen. Sie kommen aus der Einsamkeit ihrer Nächte und finden sich noch nicht zurecht. Sie werden wie jeden Morgen die Welt zurückerobern.

"Marcel Gähler, Pencil on Paper", Edition

The head wakes up first. The body still resists. Getting up when it's dark outside. (A childhood memory. School starts at ten past seven and the winter is endless. Not wanting to go to sleep so as not to have to wake up in the dark. The brutality of waking up, the futile attempts to escape back into sleep.) The draining, debilitating tiredness of morning, the feeling of sinking. Sitting down, unwashed, at one's desk. Writing as a means of waking up. Finding a form in the amorphous night. Only form can rescue us from content.
The fire has long died out in the fireplace. Sour smoke hangs suspended in the rooms of the house. Switching on all the lights and lighting up the first cigarette, which is tasteless and scratches one's throat. The surprising cold that envelops the house, that envelops me. The body has cooled off overnight. There are no warm clothes, the clothes simply hamper the exchange of heat. The world seems flatter than usual. The night is not a space, it is a plane, a picture. Time seems to stand still, like a photograph, when a hundredth of a second turns into eternity. It comes as a great surprise when something has changed overnight, when it has snowed, when animals have left traces in the snow, inexplicable paths. Anything can attract attention now, a surface, the cone of light cast by a streetlamp, the sound of a car passing by. The noise of the ventilation seems incredibly loud and important. Nothing has a beginning or an end.
The pictures of memory, the pictures of dreams are like pictures in the night, bright in the middle and blurred at the edges. Their contours fade into the darkness. A small section carved out of an infinite plane by the light of a torch. The constricted view.
The alarming thought that light is something and darkness nothing. (When the batteries get weaker, the bulb barely glows and you have to hold the torch close up in order to see anything at all; when the bulb finally goes out like a spent sun.) The thought that darkness is the normal case, nothingness. "Rage," Dylan Thomas wrote, "rage against the dying of the light." Futile rage.
I have to think of the birds in London that already start singing in the middle of the night. And that strange news clip about the birds with the biggest eyes being the first to start singing in the morning. After the third or fourth cup of coffee, the day begins to dawn. On the way to the railroad station I encounter people with frightened faces, feverishly red cheeks, their eyes open wide. They come out of their own nocturnal solitude and are still coming to grips. They will reconquer the world, like every morning.

Peter Stamm, 2004
Translation: Catherine Schelbert



Urs Steiner (2004)

Geheimnisvolle Miniaturen

Neue Zürcher Zeitung, 10/11. April 2004

Buch und Ausstellung von Marcel Gähler

Eine Foto, geblitzt an einem Trampelpfad in einer verschneiten Nacht, das Motiv eine aufgerissene Plane im verwilderten Garten - unscharf, schwarzweiss. Oder: ein Wohnblock im Morgengrauen, der verschwommene Schnappschuss einer Schuttmulde, ein Gerüst von Beerenstauden, erfrorener Salat, zertrampelte Büsche, ein verlorener Lappen im Dreck. Marcel Gähler evoziert Erinnerungen an kriminaltechnische Fotoarbeit, an die Bestandesaufnahme an einem Tatort. Doch die Bilder, die der 1969 geborene Künstler in seinem Buch und der parallelen Ausstellung in der Kunsthalle Winterthur zeigt, sind keine Fotos. Im winzigen Format von 9 x 6 Zentimetern hat Gähler fotografische Vorlagen zu einer art absurdem Fotorealismus verdichtet. Die Liebe zum handwerklichen Detail kontrastiert krass mit der Lakonik der Motive. Der Schriftsteller Peter Stamm, ebenfalls Winterthurer, erkennt in seinem Beitrag zum Künstlerbuch in den Bildern Gählers morgendliche Melancholie: "Auf dem Weg zum Bahnhof begegne ich Menschen mit erschrockenen Gesichtern, mit fiebrig roten Wangen, die Augen weit aufgerissen. Sie kommen aus der Einsamkeit ihrer Nächte und finden sich noch nicht zurecht. Sie werden wie jeden Morgen die Welt zurückerobern." Die Feststellung, dass Gähler mit seinen Miniaturen den regelmässig wiederkehrenden Verlust von Welt ins Bild rückt, ist mehr als plausibel. Das Böse, das Unheimliche wird gebannt, um das Leben zu feiern. Nicht um die toten Aeste im Wald, nicht um den Rebberg im Winterschlaf geht es hier, sondern darum, die Welt zu packen. Mit seinen unglaublich feinen, fleissig ziselierten Zeichnungen dreht Gähler der Kälte eine Nase.

Urs Steiner, 2004



Sylvia Rüttimann (2003)

Alltägliche Unheimlichkeiten: Die photorealistischen Zeichnungen von Marcel Gähler

„Vier Uhr früh. Schnee fällt leise auf die verlassene Landstrasse. Ich steuere langsam meinen alten schwarzen VW Golf an den eng hintereinander geparkten Streifenwagen vorbei und fahre so nah wie möglich an die rot-weiss gestreiften Plastikbänder heran. Mein neuer Arbeitstag hat begonnen. Eine Leiche wurde gefunden und ich werde am Tatort erwartet, um Zeit und Art des Todes festzustellen. Ich steige aus dem Wagen und nähere mich der Fundstelle. Nicht das erste Mal beschleicht mich das Gefühl, dass, obwohl hier vor nicht allzu langer Zeit ein schreckliches Verbrechen stattgefunden hat, jetzt alles ziemlich ruhig und unspektakulär erscheint. Ein Ort wie jeder andere.“

So oder ähnlich könnte der verfilmte Kriminalroman beginnen, zu dem Marcel Gählers kleinformatige Zeichnungen eine erste Szene, einen ersten Filmstill festhalten. Man blickt auf einen Ausschnitt eines Feldes, einer Wiese oder unkrautüberwachsenen Weges. Der Ausschnitt ist in der Aufsicht wiedergegeben und so eng gewählt, dass jede ausserhalb stattfindende Ak-tion ausgeblendet bleibt. Der Scheinwerfer, der die Stelle ausstrahlt, befreit die Gräser und ins Bild ragende Äste von allen Konturen und lässt sie sich als weisse schatten-werfende Gebilde scharf von der Umgebung ablösen. In typischer Weise für eine solch helle Ausleuchtung sind nur der Vordergrund und das Mittelfeld beleuchtet, der Hintergrund versinkt unmittelbar in tiefster Schwärze. Die ganze Situation mutet unheimlich an. Mit einem Schauer stellt der Betrachter sogleich fest, dass da in der Mitte des Bildes etwas liegt: Eine Plastikhülle, die, so muss man annehmen, den toten Körper birgt. Aber halt, ist das, was man hier sieht tatsächlich so beunruhigend oder nur Phantasie? Schaut man sich weitere Blätter in der Serie der Zeichnungen an, verflüchtigt sich nach und nach der Verdacht eines kriminellen Vergehens, den man noch vor kurzem hatte, und die vermeintliche mit Plastik umhüllte Leiche verwandelt sich unversehens in eine simple Plastikabdeckung wie man sie von Pflanzen- und Gemüsebeeten her kennt. In der Tat: das sind doch keine erschreckenden Szenen, sondern Orte von fast unsäglicher Alltäglichkeit; ein Schrebergarten im Herbst oder Winter, unbepflanzte Beete, andererseits ein verlassenes Feld, ein Stück Wald, oder ein Wohnhaus in einem anonymen Vorort, ein Brunnen, schneebedeckte Äste. Es sind Orte, die man kaum wahrnimmt, die nicht der Rede wert scheinen, reizlos und vergessen. Jedoch gemahnen sie gleichzeitig auch an Tod, Verfall und Unheil, handelt es sich doch um trostlose menschenleere Herbst- und Winterlandschaften, wo verfaulende Pflanzenreste am Boden liegen, der Schnee alles zudeckt und das im Zwielicht nur verschwommen sichtbare Haus in der Ferne einer Ruine ähnlich sieht.

Marcel Gählers vorliegende Zeichnungen entstanden in den Jahren 2000 bis 2003. Es handelt sich um insgesamt ....... Einzelbilder, die sich einerseits zu einer Serie zusammenfügen lassen, gleichzeitig aber auch als individuelle Werke gedacht sind und somit keiner bestimmten Anordnung folgen müssen. Deutlicher als um zeitliche Abfolgen, handelt es sich bei Marcel Gählers Zeichnungen um Variationen ähnlicher Sujets. Die Zeichnungen sind mit 6,2 x 9,1 cm äusserst klein. Dies ist erstaunlich, gerade wenn man sich die teilweise sehr grossen Formate der Malereien und der seit neustem entstandenen Aquarelle ansieht. Tatsächlich beschäftigt sich der Künstler nicht nur mit verschiedenen Medien sondern auch ganz unterschiedlichen Formaten. Trotz dieser vermeintlichen Vielfalt haben die unterschiedlichen Kunstformen nun vor allem in einem Punkt sehr viel miteinander gemeinsam; sowohl in der Malerei als auch in der Zeichnung bedient sich der Künstler einer Photographie als Vorlage. Angefangen hat es damit, dass er, noch in der Ausbildung zum Zeichenlehrer, auf seinen Fahrten von Winterthur, seinem Wohnort, nach Zürich aus dem Fenster des Zuges mit seiner Kamera Bilder schoss und die so entstandenen verwackelten Photos als Vorlagen seiner an der Kunstschule ausgeübten Malerei benutzte. Für seine späteren Zeichnungen bilden auch weiterhin photographische Streifzüge durch die unmittelbare Gegend seines Wohnortes die Grundlage, um sie später im Atelier zeichnerisch umzusetzen. Es handelt sich also bei Marcel Gählers Werken - sei dies Malerei oder Zeichnung - um photorealistische Bilder, die gerade im Medium der Zeichnung, die gänzlich auf die Linie verzichtet und sich nur der tonalen Wiedergabe von Hell und Dunkel widmet, so nahe an die Vorlage herankommen, dass man sie auf einen ersten Blick leicht für schwarz-weisse Photographien halten könnte. Erst allmählich offenbart sich die filigrane Graphitschicht der Zeichnung.Mit dem künstlerischen Vorgehen nach photographischer Vorlage fügt sich Marcel Gähler bewusst in eine Tradition ein, die nun schon seit einigen Jahrzehnten Bestand hat. Tatsächlich war es genau dieses Verfahren, das der Malerei in den 60er und 70er Jahren aus ihrer Krise half und sie zu neuen Höchstleistungen trieb. Wurde die Malerei anfangs der 60er Jahre wiedereinmal für tot erklärt, tauchte vor allem mit Gerhard Richter, aber auch den amerikanischen Fotorealisten und dem Schweizer Franz Gertsch Maler auf, die das alte Medium neu reflektierten und der kommenden Malergeneration neue Wege wiesen. Im speziellen war es auch eine Malerei, die sich wieder an die Gegenständlichkeit wagte, nachdem diese lange Zeit abgelehnt worden war.

Marcel Gähler macht kein Geheimnis daraus, dass er sich von solchen photorealistischen Vorbildern inspirieren liess. Gerade Gerhard Richter hatte ohne Zweifel Einfluss auf den jungen Künstler. Andererseits erinnert auch Gählers Aussage, dass er die Wahl einer photographischen Vorlage als Befreiung empfindet, einer Befreiung von der Entscheidung des Motivs und der künstlerischen Subjektivität, und den Zufall als wichtig einschätzt an die Einstel-lung anderer Künstler, die nach fotografischer Vorlage arbeiten. Was ihn jedoch von vielen zeitgenössischen Künstlern unterscheidet, ist, dass er sich nicht Photographien bildnerisch bemächtigt, die er in Zeitungen, Zeitschriften, Büchern und anderswo vorfand, um so zu demonstrieren, dass Malerei eigentlich nur da ist, um die bestehende medial vermittelte Bilderflut willkürlich zu reproduzieren und sich selber zu reflektieren. Vielmehr schiesst Gähler seine Fotos selber. In der Tat sind sie nicht das blosse "Zufallsprodukt", als das man sie zuerst, gerade auch wegen ihrer Unschärfe und des Künstlers Aussage halten könnte. Zu systematisch ist die Wahl der Orte, an denen er seine Aufnahmen macht; zu gezielt ist sein Vorgehen, seine Photographien zu verwackeln. Der Inhalt ist wichtiger als man denkt.

Jedoch ist es ein Inhalt, der sich schwerlich fassen lässt. Absichtlich wählt der Künstler Orte für seine Fotografien, die sich einer genauen Definition entziehen. Seine Bilder entstehen in der Dämmerung, mit Blitzlicht, bei Regen und Schnee, ja sogar unter Wasser. Sie sind verwackelt, unscharf, unprofessionell, unspektakulär. Zusätzlich arbeitet Gähler aber auch mit Mitteln, die die vermeintliche Harmlosigkeit der Bilder in Frage stellen. Die Unschärfe ist eines dieser Mittel. Die verwischte Kontur suggeriert Bewegung, Flüchtigkeit und Authentizität, die Authentizität eines davonrennenden Zeugen, eines rastlosen Täters, wie man sie aus Fernsehen und Zeitung wiederzuerkennen glaubt. Gähler lässt den Betrachter nie von vorne auf die Szene blicken, sondern wählt seine Ansicht entweder von oben oder unten, womit er den Blick des Täters oder Opfers nachzeichnet. Der Künstler manipuliert so geschickt den Betrachter, macht ihn selber zum Täter oder Zeugen, oder sogar zum Opfer. Auch das Blitzlicht nährt den Verdacht eines kriminellen Geschehens. Durch die Unschärfe, aber auch das matte Grau des Bleistifts - oder ist es Grafitstaub zur Aufnahme von Fingerabdrücken? - erinnern die Zeichnungen an aufgerasterte Zeitungsbilder, durch die grelle Beleuchtung an Polizeiaufnahmen. Aus den Unorten werden Tatorte. Es ist genau die durch die gewählten Orte, die Unschärfe und dem Standpunkt entstandene ambivalente Mischung aus Unspektakulärem und Verheissungsvoll-Unkenntlichem, aus Tat- und Unort, die Gähler reizt. Es gelingt ihm, solche Bilder zu machen, die sich an der Schnittstelle von belanglosem Schnappschuss und bedeutungsgeladener Anspielung befinden, und so einen motivischen Schwebezustand zu kreieren, der die Interpretation offen lässt und dem Betrachter Lust macht, zu spekulieren, zu rätseln, ja sogar einen eigenen Kriminalroman zu erfinden.

Sylvia Rüttimann, 2003






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