Marcel GÄhler
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interview

mit Marcel Gähler, 18. September 2008, SIK-ISEA

Interview mit Marcel Gähler (MG)
Geführt von Stefanie Kasper (SK), SIK-ISEA
Im Atelier des Künstlers, Winterthur
18. September 2008


© SIK-ISEA; Die Interviews werden wie folgt zitiert: Interview von Stefanie Kasper mit Marcel Gähler, 18. September 2008, SIK-ISEA.



SK: Wir haben uns in Deinem Atelier in Winterthur getroffen, wo Du auch mit Deiner Familie wohnst. Wie lange lebst und arbeitest Du schon hier?

MG: Hier im Haus wohne ich jetzt seit sieben Jahren, arbeite aber erst seit sechs Jahren hier. Vorher hatte ich immer Ateliers in leer stehenden Hallen im Sulzer-Areal. Dann hat sich hier im Haus etwas geändert, so dass Platz frei wurde. Darauf habe ich mich dazu entschlossen, zu Hause zu arbeiten. Das war auch eine Möglichkeit zu versuchen, Arbeits- und Familienleben zu vereinen.

SK: Ist es so nicht auch schwierig, eine gewisse Distanz zur Arbeit zu gewinnen?

MG: Ja, aber ich finde das ist zum Beispiel ein Vorteil, wenn man zu Hause arbeitet. Am Atelier auswärts hat mich gestört, dass es zwischen der Arbeit und zu Hause immer einen Bruch gegeben hat. Wenn ich zum Beispiel bestimmte Fotos zum Arbeiten brauchte, dann waren die Fotos zum Teil zu Hause, und ich war im Atelier und hätte gerne alle Fotos bei mir gehabt. Jetzt ist das super. Jetzt sind der Computer, alle meine Fotos und die Arbeiten hier. Da gibt es keine Trennung mehr.

SK: Ich würde gerne bei Deiner Ausbildung einsetzen. Du hast zwischen 1990 und 1991 an der Schule für Gestaltung Zürich den Vorkurs besucht und danach zwischen 1992 und 1996 die Ausbildung zum Zeichenlehrer in Angriff genommen. Vor Deiner künstlerischen Ausbildung hast Du aber eine kaufmännische Lehre bei einer Bank gemacht.

MG: Ja, bei einer Privatbank in Zürich.

SK: Was verursachte diesen Gesinnungswandel, nach dem KV plötzlich etwas völlig Anderes zu machen?

MG: Das KV war für mich eher eine Verlegenheitslösung. Damals habe ich einfach noch nicht gewusst, was ich sonst machen sollte. Es war irgendwie naheliegend. Dann habe ich während der Ausbildung gemerkt, dass das nicht das Leben ist, das ich mir vorstellen kann. Ich habe dann aufgehört bei der Bank und lange nicht gewusst, was ich machen soll, habe gejobbt. Und immer für mich gemalt, gezeichnet. Das habe ich auch schon während der Lehre gemacht. Dann habe ich die Aufnahmeprüfung für den Vorkurs gemacht und bin aufgenommen worden.

SK: Ist das Malen und Zeichnen, das Kreative bei Euch in der Familie?

MG: Nein, eigentlich nicht. Mein Urgrossvater mütterlicherseits, Samuele Giovanoli, hat zwar im Engadin gemalt und gezeichnet. Er hat sehr schöne Bilder gemalt, aber erst, als er schon alt war. Und mein Grossvater, sein Sohn, auch. Der hat auch im Alter gemalt. Es war schon in der Familie, aber bei uns zu Hause überhaupt nicht. Meinen Grossvater habe ich immer sehr gerne gehabt, und es war schon präsent, dass er Bilder malt.

SK: Aber das Malen wurde eher als Freizeitbeschäftigung wahrgenommen?

MG: Ja, genau.

SK: Nach dem Vorkurs hast Du Dich entschieden, Zeichenlehrer zu werden und nicht die Klasse für Freie Kunst zu besuchen. Welche Beweggründe haben bei dieser Entscheidung mitgespielt?

MG: Ich weiss es gar nicht mehr ganz genau. Ich glaube, zu meiner Zeit konnte man nur alle zwei Jahre in die Kunstklasse gehen. Aber der eigentliche Grund war, dass ich mir die Ausbildung nicht so recht zugetraut habe. Ich denke, Zeichenlehrer war einfach die Ausbildung, die Fachklasse, von der ich mich am meisten angesprochen gefühlt habe. Ich hatte das Gefühl, dass ich dort mehr lernen konnte. Und dann ist bestimmt auch noch der Sicherheitsgedanke dahinter gewesen: Mit Unterrichten kann ich Geld verdienen, dann wäre das auch schon gelöst.

SK: Das Risiko ist weniger gross, als wenn man alles auf die Bildende Kunst setzt?

MG: Ja, genau. Das wäre für mich ein zu grosser Druck gewesen. Wie soll ich sagen? Ich habe es mir nicht zugetraut, und ich habe es auch nicht erwartet, dass das je so sein wird. Es war natürlich schon mein Wunsch, Künstler zu sein, bereits als Kind. Aber ich habe mich gar nie getraut, diesen Wunsch zu formulieren.

SK: Man verbindet oft auch bestimmte Klischeevorstellungen mit dem Beruf des Künstlers: Der Künstler steht ausserhalb der Gesellschaft, hat ein hartes Leben, muss darben, um gute Kunst zu machen. Da denkt man vielleicht als Kind, dass ein solches Leben nichts für einen ist.

MG: Das vielleicht. Auch hatte ich überhaupt keine Vorbilder. Ich kannte keine lebenden Künstler. Ich kannte nur meinen Grossvater und meinen Urgrossvater.

SK: Gab es während der Ausbildung Persönlichkeiten, ob nun Kunstschaffende, Dozierende oder Galeristen, die Dich speziell gefördert und Dir immer wieder Antrieb gegeben haben?

MG: Ich würde sagen, am ehesten mein Vorkurs-Lehrer, Christian Scheuber. Er hat mich zum Beispiel sehr motiviert, die Zeichenlehrer-Fachklasse zu machen, obwohl ich keine Matura hatte. Das war ja eigentlich Bedingung. Er hat mir einfach gesagt, dass ich das schon schaffe. Auch in der Arbeit hat er mir immer sehr gut getan. Und auch Hans Renggli habe ich als Lehrer sehr geschätzt. In der Kunstgeschichte hatten wir Carl Peter Brägger, der uns sehr für die Materie begeistern konnte. Und sonst habe ich schon auch in der Zeichenlehrerausbildung versucht, – wie soll ich sagen? – offen zu sein, für das, was die Leute sagen.

SK: War die Ausbildung an der Schule für Gestaltung stark auf die spätere Lehrtätigkeit ausgerichtet?

MG: Als ich dort war, hatten wir drei Tage die Woche freie Atelierarbeit und zwei Tage entweder dreidimensionales Gestalten, Pädagogik, Didaktik oder Farbenlehre oder so. Das Unterrichten war eigentlich ein kleiner Teil. Und das ging auch bei uns Studenten eher unter ferner liefen. Das hat sich jetzt geändert, das wird jetzt stärker gewichtet. Bei uns war es aber noch nicht so. Wir hatten schon Praktika an einer Schule, aber sonst war vor allem die eigene Arbeit wichtig.

SK: Hast Du Dich während Deines Studiums schon dafür entschieden, vor allem in den Medien Zeichnung und Malerei zu arbeiten?

MG: Ja, das eigentlich schon. Ich habe auch dreidimensional gearbeitet. Das war ein eigenes Fach, und das hat mich auch interessiert. Wir hatten da halt auch die Möglichkeit, mit Beton zu giessen und installativ zu arbeiten. Das hat mir gefallen. Irgendwie standen aber schon immer Zeichnen und Malen an erster Stelle.

SK: Hast Du später auch als Zeichenlehrer gearbeitet?

MG: Ja.

SK: Denkst Du, dass sich die Lehrtätigkeit auf Dein künstlerisches Schaffen ausgewirkt hat?

MG: Nein, ich glaube eher nicht. Ich habe auch immer ein relativ kleines Pensum gehabt, so zehn Stunden, manchmal auch weniger. Nein, ich glaube nicht.

SK: Welches waren nach dem Studienabschluss für Dich die wichtigsten Plattformen, um als Künstler aufzutreten und Deine Arbeiten zu zeigen?

MG: Die Situation nach der Ausbildung? Da habe ich ein Atelier organisiert. Ich konnte im Sulzer-Areal ein Atelier mieten. Es war für mich in erster Linie ein tolles Gefühl, dass ich ohne Lehrer frei arbeiten und malen konnte. Das hat für mich vor allem viel Freiheit bedeutet. Ich habe am Anfang eigentlich gar nicht nach Plattformen gesucht, im Gegenteil. Das war vielleicht auch ein Grund, warum ich nicht in Zürich ein Atelier gesucht habe sondern in Winterthur. Ich wollte mich eher zurückziehen und in Ruhe das machen, was ich gerne machte. Das habe ich dann etwa drei Jahre lang gemacht. Erst danach ist langsam das Gefühl gekommen, dass ich einen Schritt nach aussen wagen könnte. Ich habe dann 1999 das kantonale Stipendium erhalten. Das war für mich eine Art Auslöser, um mehr zu unternehmen.

SK: Du hast das Stipendium auch als Bestätigung von aussen wahrgenommen?

MG: Genau. Ja, das war schon sehr wichtig für mich. Mit diesem neuen Selbstvertrauen ging ich dann auch zu Galerien und habe meine Arbeit gezeigt und gefragt, ob ich etwas ausstellen könnte.

SK: Auf diese Weise hat sich auch die Verbindung zur Galerie ge ergeben?

MG: Ja, eigentlich zur gleichen Zeit, als ich das Stipendium erhalten habe, habe ich mich bei ihnen beworben.

SK: Also um 1999?

MG: 1999, genau. Die Ausstellung war dann im Jahr 2000. Das war meine erste Galerieausstellung überhaupt. Aber die Galerie ge, die gab es dann eben dummerweise bald nicht mehr. Das war meine einzige Ausstellung dort.

SK: Vom Kanton Zürich hast Du dann 2001 nochmals einen Werkbeitrag bekommen.

MG: Ja, genau, der Kanton Zürich. Das waren die ersten, die mich gefördert haben. Rolf Müller hat meine Arbeit dann an der Stipendien-Ausstellung gesehen. Dann habe ich bei ihm in der Galerie Art Magazin eine Ausstellung machen können. Eigentlich gleichzeitig war Michael Krethlow von der Galerie Kabinett in Bern. Der hatte zu dieser Zeit eine Filiale in Zürich. Er war offen für neue, junge Künstler, und da konnte ich bei ihm ausstellen. Aber er wollte mich nicht in Zürich zeigen, sondern in Bern, von Anfang an. Und so hatte ich halt in Bern und in Zürich ziemlich zur gleichen Zeit Ausstellungen in Galerien.

SK: Das ist ja eher selten, dass man als Künstler gleich von Anfang an mehrere Galerieverbindungen hat.

MG: Ja, das war ein schöner Zufall. Vor allem auch, dass die Galerien in Bern und in Zürich waren und sich dann nicht gestört haben.

SK: Du hast seit 1999 auch schon einige Preise und Werkbeiträge gewonnen. Mein letzter Stand ist, dass Du 2005 den Werk- und Förderbeitrag der Ausserrhodischen Kulturstiftung erhalten hast. Was bedeuten diese Auszeichnungen für Dich? Du hast vorhin schon erwähnt, dass das kantonale Stipendium eine grosse Motivation war, um weiterzumachen. Gibt es für Dich vielleicht auch negative Aspekte an diesem Förderungssystem? Vielleicht der Druck, dass man sich immer bewerben muss oder auch, dass es irgendwann aufhört mit diesen Förderbeiträgen?

MG: Ja, ich denke, das kann schon etwas problematisch sein. Wenn man jung ist und diese Stipendien erhält, dann hat man plötzlich alle erhalten und neue gibt es nicht mehr. Es ist vielleicht ein Problem, wenn man sich zu sehr auf die Stipendien verlässt, dann ist man auch abhängig von den Personen in der Jury. Bei mir war es ideal, dass ich am Anfang Stipendien erhalten haben. Die gaben mir Raum und Zeit, auch vom Geld her, dass ich wieder intensiver arbeiten konnte und weniger unterrichten musste. Heute lebe ich eigentlich vom Verkauf und nicht mehr von den Stipendien.

SK: Du pflegst gleich mehrere Galerieverbindungen, aktuell mit der Galerie Römerapotheke in Zürich, der filiale in Berlin. Neu dazu gekommen ist vor kurzem die Galerie Bartha & Senarclens in Genf. Konzentrierst Du Dich bewusst auf den Kunsthandel oder würde es Dich reizen, vermehrt Ausstellungen in musealen Institutionen zu machen?

MG: Ich glaube, meine Arbeit eignet sich einfach sehr gut für den Kunsthandel, weil ich male und zeichne und in eher kleineren Formaten arbeite. Für solche Arbeiten gibt es offenbar einfach einen Markt. Als ich nach der Ausbildung mit Malerei begann, war diese Art zu malen für den Kunstmarkt noch kein Thema, was mich aber nicht weiter kümmerte. Es war nie mein Anliegen, für den Markt zu produzieren, und das ist auch jetzt noch nicht mein Anliegen. Es geht mir sehr um das einzelne Bild. Klar mache ich gerne in schönen Ausstellungsräumen eine Ausstellung, wo auch der Verkauf nicht an erster Stelle steht. Aber eben, es geht mir eigentlich in erster Linie um die Bilder.

SK: Wenn man installativ oder mit Neuen Medien arbeitet, ist es möglicherweise schwieriger, in gewissen Galerien zu verkaufen, weil der Markt einfach seine Gesetze hat.

MG: Nur haben diese Künstler dann halt die besseren Bedingungen beim Ausstellen in grösseren Häusern. Viele Kuratoren finden es vielleicht spannender, mit Positionen zu arbeiten, die auf den Raum eingehen und Rauminstallationen zu zeigen, anstatt immer nur Bilder an der Wand.

SK: Du hast am Anfang Deiner Laufbahn besonders kleinformatig gearbeitet, 6 x 9 cm.

MG: Ja, genau, das sind die Zeichnungen. Die mache ich eigentlich auch heute noch. Jetzt habe ich aber irgendwie schon ein Jahr lang keine mehr gemacht. Ja, die sind sehr klein, genau.

SK: Ist es möglicherweise auch ein Grund, das Format zu wechseln, um an Museumsausstellungen mehr präsent zu sein? Oder stehen da andere, künstlerische Interessen mehr im Vordergrund?

MG: Ja, also bei den kleinen Arbeiten, da hat es mich zum Teil etwas gestört, dass die beinahe übersehen werden und dass die es insbesondere in Gruppenausstellungen sehr schwer haben. Man muss einen Schritt auf sie zu tun, und man muss sich auf sie einlassen. Und dann besteht die Möglichkeit, mit einer ähnlichen Technik viel grösser zu arbeiten. Diese grösseren Arbeiten haben eine andere Präsenz, und man kann sich ihnen nicht so schnell entziehen. Das war eigentlich die Idee dahinter. Ich finde, die grossen Zeichnungen und Malereien wirken eigentlich so, wie wenn man mit einem Vergrösserungsglas vor einer kleinen Zeichnung steht. Man kann auch weit weg gehen, und dann ist es wieder anders. Man ist so drin, und bei der Zeichnung musste man erst reinkriechen. Es braucht einen Schritt. Die grossen Arbeiten prägen stärker den Raum. Das finde ich halt schon schön bei grossen Arbeiten: Sie können einen Raum prägen.

SK: Du beschränkst Dich stark, was die Wahl der Medien betrifft. Es gibt heutzutage immer mehr Künstler, die gattungsübergreifend arbeiten und die verschiedenen Medien miteinander verschmelzen. Du bleibst den eher traditionellen Techniken, der Zeichnung, der Ölmalerei, dem Aquarell treu, und arbeitest in einer fast altmeisterlich anmutenden Manier. Welches sind Deine Beweggründe für diese bewusste und freiwillige Einschränkung?

MG: Darüber habe ich mir auch Gedanken gemacht. Es gibt verschiedene Gründe. Erstens bin ich sparsam und nicht besonders technisch interessiert. Wenn es zu technisch wird, dann mag ich das nicht. Als Künstler kann ich das in meiner Arbeit durchziehen, wie ich eben will, mit wenig Material, mit bescheidenen, sparsamen Mitteln. Da muss ich keine Kompromisse eingehen, die ich ja im Leben immer wieder mal machen muss (lacht). Das hat für mich auch viele Vorteile. Es ist auch vom Raum her günstig. Ich brauche weniger Raum, weniger Lagerplatz. Insbesondere die kleinen Zeichnungen, die kann ich überall machen. Ich kann die draussen machen oder unten im Wohnzimmer, und die Kinder können dann auch dort sein. Ich bin sehr flexibel und brauche nur wenig Material, bin nicht von irgendwelchen technischen Apparaturen abhängig und brauche schliesslich auch weniger Transportkosten und so.

SK: Das klingt alles extrem praktisch.

MG: Ja, es ist irgendwie auch praktisch, und es ist auch umweltfreundlicher. Ich möchte mit den Ressourcen sparsam umgehen. Es hat sicher damit zu tun, dass ich grundsätzlich ein sparsamer Typ bin, ein umweltbewusster Mensch. Manchmal, finde ich, wird ein riesiger Aufwand betrieben für etwas, das sich gar nicht lohnt.

SK: Du denkst, dass man sich auch in der Kunst bezüglich Ökologie Gedanken machen soll?

MG: Ja, das finde ich schon. Jeder kann eigentlich bei sich am meisten machen. Ich kann gar nicht anders. Deswegen vielleicht auch die kleinen Formate, das Verzichten auf die Farbe und die zeitaufwändige, langsame Arbeitsweise. Das Verschwenderische, das Aus-dem-Vollen-Schöpfen, das ist im Moment überall so angesagt. Niemand schränkt sich ein, obwohl es ja längstens höchste Zeit wäre.

SK: Diese Beschränkung kommt in Deinem Falle sicher der ausgefeilten Technik entgegen. Du zeichnest und malst nach Fotografien. Nimmst Du diese ausschliesslich selbst auf?

MG: Die mache ich ausschliesslich selbst. Also, ungefähr vor 2000, da habe ich auch nach vorgefundenen Fotos gearbeitet, aber seitdem ausschliesslich nach eigenen.

SK: Fotografierst Du digital?

MG: Ja, heute digital und früher analog. Das sind ganz einfache Kameras. Früher war es eine Kompaktkamera und heute ist es einfach eine kleine Digitalkamera, die wasserfest, also regenfest, robust und einfach zu handhaben ist.

SK: Siehst Du die Fotografie auch als Teil des Werkprozesses? Wie gehst Du beim Arbeiten vor?

MG: Eigentlich habe ich die kleine Kamera immer dabei. Sobald ich in Stimmung bin oder irgendwo was sehe, mache ich ein paar Fotos. Das ist der spielerische Teil, der kreative oder der experimentelle Teil in meiner Arbeit, wo ich versuche, nicht an das Resultat zu denken, sondern einfach einmal ausprobiere. Oft ist das halt eben eher in der Nacht und im Nebel. Manchmal mache ich – weil ich halt nicht mehr auswärts arbeite –, wenn die Stimmung so ist, dass sie mir gefällt, einen Spaziergang und komme dann mit ein paar Fotos zurück.

SK: Es sind eher düstere, trübe Stimmungen, die von Dir fotografisch eingefangen werden. Hast Du eine gewisse Vorliebe für dieses Düstere, Widerspenstige? Gehst Du eher dann raus, wenn sich anderen Leute drinnen verkriechen?

MG: Ja, das hat sicher etwas. Ich bin bevorzugt dann unterwegs, wenn auch die Leute weg sind und eher eine melancholische Stimmung herrscht. Ich denke, es hat damit zu tun, dass ich dann mehr Ruhe habe, mich nicht beobachtet fühle. Es ist aber schon auch so, dass mich das schöne Wetter für die Kunst nicht interessiert, dafür diese nächtlichen, einsamen Stimmungen umso mehr. Es geht mir darum, dass man bekannte Orte neu sieht, dass man eigentlich das Gefühl hat, die Situation zu kennen, dass etwas Vertrautes gleichzeitig auch fremd erscheint und man versuchen muss, sich neu zu orientieren. Und dafür muss es auch Sachen geben, die verdeckt sind, sei es eben durch Schnee oder in der Dunkelheit, in der es etwas Verborgenes hat. Und wenn es zu sehr ausgeleuchtet ist und sich alles zeigt, dann, denke ich, bleibt viel weniger Raum für die eigenen Gedanken und Erinnerungen und Bilder, die kommen.

SK: Deine Motivwelt ist zwischen dem Alltäglichen, Bekannten und dem Mysteriösen angesiedelt. Auf eigentlich sehr unspektakuläre Art und Weise werden Dinge zu Tage gefördert, die einen verunsichern, kurz stocken lassen. Es geht Dir auch nicht nur um die positiven Gefühle sondern auch um Abgründiges, mit dem man konfrontiert wird?

MG: Ja, das hat vielleicht wieder damit zu tun, wie ich die Welt sehe. Die Welt ist ja auch nicht nur positiv. Es gibt ja ganz viele Abgründe. Vielleicht liegt es daran, das ich mehr darauf hinweisen möchte und weniger auf die Sonnenseiten. Es geht auch um eine Verunsicherung. Wem oder welchen Bildern kann ich trauen?

SK: Du wurdest einmal von einem Journalisten als Neoromantiker bezeichnet. Siehst Du Dich in einer Traditionslinie romantischer Landschaftsmalerei verortet? Haben die Romantiker, die die Natur als Sehnsuchtsort, aber auch als unbezwingbare, wilde Macht auffassten, auf Dich Einfluss gehabt?

MG: Ja, so direkt eigentlich nicht. Aber ich denke, es gibt da schon eine Verwandtschaft. Ich habe sicher eine romantische Seite in mir und die Tendenz, die Natur als Sehnsuchtsort zu sehen. Im neuen Katalog schreibt auch Mathias Frehner von der Verwandtschaft mit den Romantikern und nennt dann Caspar David Friedrich mit den verdörrten Holzstücken, die am Boden liegen und die er auch gleich wichtig malt wie alles andere. Das ist schon etwas, das bei mir sicher wichtig ist. Dieses Alles-ist-wichtig, also auch das Kleine, eben die Holzstückchen oder die verdorrten Äste oder die verdorrten Blätter. Das ist gleich wichtig wie ein toller Bau. Da gibt es sicher eine Verwandtschaft.

SK: Du malst vom Stil her altmeisterlich oder auch fotorealistisch. Wurdest Du in der Malweise von irgendwelchen anderen Künstlern beeinflusst, die Du während Deiner Ausbildung kennen gelernt hast? Ich denke da an Franz Gertsch oder Gerhard Richter.

MG: In der Ausbildung hat mich Gertsch extrem provoziert und fasziniert: Diese Perfektion, dieser übersteigerte Realismus! Das weiss ich noch. Die Reaktion auf das erste grosse Gertsch-Bild, das ich gesehen habe! Gertsch ist eigentlich erst jetzt durch die Berner Kunstwelt wieder zurückgekommen, auch mit meinen grossformatigen Arbeiten. Richter hat mich sicher beschäftigt, auch in der Ausbildung wurde ich immer wieder auf ihn hingewiesen. Auch von seiner Kunst war ich fasziniert, aber meine künstlerische Haltung geht in eine andere Richtung. Für mich war auch die Begegnung mit der Kunst von Vija Celmins wichtig. Die hatte in Winterthur eine Ausstellung. Diese Ausstellung fand damals für mich zum richtigen Zeitpunkt statt. Das war für mich zum Beispiel die Initialzündung für die Bleistiftzeichnungen. Ich habe schon als Kind und Jugendlicher immer so kleine, genaue Bleistiftzeichnungen gemacht. Das Schloss Rapperswil und so. In der Ausstellung habe ich gedacht, o.k. Zeichnung, genau. Ja, und diese Sternenhimmel haben mir extrem gut gefallen. Die habe ich jetzt eben nie machen können, weil sie die ja schon gemacht hat (lacht).

SK: Vorhin hast Du schon erwähnt, Du arbeitest nach Fotografien, die Du aber vor allem in den drei Techniken Ölmalerei, Zeichnung und Aquarell umsetzt. Wann entscheidest Du Dich für welche Technik? Welche Vorteile und welche bestimmten Eigenschaften verbindest Du mit der jeweiligen Technik?

MG: Ja, das ist etwas schwierig. Bei mir spielt halt der Zufall auch eine wichtige Rolle. Wie Du hier siehst, ich habe meistens eine Auswahl von Fotos ausgebreitet und dann hängt das von verschiedenen Faktoren ab. Im Moment mache ich keine Zeichnungen. Es gibt eigentlich keine Regel. Ich kann nicht sagen, die scharfen zeichne ich, die unscharfen male ich oder so. In den Zeichnungen, da weiss ich, da kann ich alles machen: Schärfen, Unschärfen, alles kein Problem. Bei den Aquarellen, bei den grossen, geht eigentlich auch sehr viel. Bei der Malerei, da habe ich halt fast lieber, wenn die Fotos schon ein bisschen malerischer sind, nicht ganz scharf. Das ist vielleicht der kleine Unterschied.

SK: Du lässt Dich also auch von der Vorlage inspirieren, und es geht auch nach Deiner Befindlichkeit, in welcher Technik Du arbeitest?


MG: Genau, das ist schon auch so.

SK: Vielleicht verabschiedet man sich auch zeitweise von einer bestimmten Technik und hat dann nur noch Lust, grossformatige Aquarelle zu malen oder so.

MG: Ich habe einfach gemerkt, dass ich das gar nicht sagen kann. Das passiert einfach. Es kann sein, dass ich keine Zeichnungen mehr machen werde. Ich habe schon seit einem Jahr keine mehr gemacht. Es kann sein, dass ich es nicht mehr schaffe, mich so zu konzentrieren, und mich wieder darauf einzulassen, aber es kann ebenso gut sein, dass ich morgen wieder mit einer Zeichnung beginne. Manchmal schlage ich da wirklich Haken, die mich selber überraschen. Und immer, wenn ich sage, ich mache jetzt nur noch das und das, dann geht es nicht lange, und ich mache eine Arbeit, die genau nicht so ist.

SK: Die Zeitlichkeit spielt in Deiner Arbeit eine wichtige Rolle. Wenn Du eine Fotografie machst, dann ist das ein schneller Schnappschuss. Dieser wird dann über Wochen und Monate malerisch oder zeichnerisch verarbeitet. Was passiert dabei für Dich mit dem Motiv?

MG: Ich glaube, das ist schon auch etwas, das ich faszinierend finde. Insbesondere, wenn die Zeit im Bild so offensichtlich drin ist. Sei es durch Blitze, durch Schneeflocken oder durch Bewegungsunschärfen, die eingefroren sind. Es handelt sich offensichtlich um Zitate von Sekundenbruchteilen. Ich finde diesen Gegensatz zwischen dem extrem Flüchtigen und dieser minutiösen, eher zeitaufwändigen Umsetzung schon spannend. Das ist auch so eine Spielerei, die mir gefällt. Aber ich glaube, es passiert vor allem viel durch diese Verlangsamung und dadurch, dass es halt trotzdem von Hand gemacht ist, durch das Zeichnen. Und so liest man es dann auch. Bei einer Fotografie, da lese ich vor allem, dass es sich um ein Foto handelt, und dann gehe ich weiter und schaue das nächste an. Und wenn ich bei etwas sehe, dass es gemacht ist, dann schaut man einfach genauer. Jedes kleine Ding kann zu einem Wunder werden. Auf der Fotografie, auf der Vorlage, ist es irgendwie selbstverständlich.

SK: Geht es Dir beim Einsatz von Unschärfen auch darum, etwas zu verhüllen und dadurch eine besondere Aufmerksamkeit zu erreichen?

MG: Ja, ich denke schon, dass es auch darum geht. Manchmal geht es mir auch darum zu zeigen, dass selbst dann, wenn man etwas genau sieht und man das Gefühl hat, man wisse, worum es geht, es eben eigentlich sehr schwierig ist, die Sache genau zu definieren und zu sagen, so und so ist es. Manchmal möchte ich auch die Betrachter dazu anregen, Dinge zu hinterfragen und darauf hinweisen, dass halt nicht alles so ist, wie wir es sehen, dass es auch anders sein kann. Da ist die Unschärfe natürlich ein gutes Mittel, um Dinge nicht zu zeigen.

SK: Was Du ja auch nie zeigst in Deinen Bildern sind Menschen oder Tiere, lebendige Wesen. War das schon immer so oder hast Du Dich auch mal für andere Bildthemen interessiert?

MG: Die Menschen waren eigentlich lange ein Thema, immer wieder, auch zu Beginn meiner Arbeit, wo ich nach Fotos gearbeitet habe. Die ersten Fotos, die ich gemalt habe, waren Unterwasserportraits von mir und meiner Frau. Davon habe ich einmal eine Serie gemacht, und das ging dann einfach nicht mehr weiter. Das war vor etwa knapp zehn Jahren und seither nicht mehr. Aber ich denke schon, es könnte sein, dass die Menschen wieder einmal vorkommen. Aber ich weiss im Moment nicht so recht wie. Das Thema ist so im Hinterkopf, aber ich weiss nicht, ob da etwas entsteht.

SK: Du lebst und arbeitest in Winterthur, hast in dieser Stadt verschiedentlich ausgestellt, in der Galerie ge, in der Kunsthalle Winterthur, im Kunstmuseum Winterthur. Bist Du in der Kunstszene Winterthur verankert?

MG: Nein, eigentlich nicht sehr. Aber ich bin Mitglied der Künstlergruppe Winterthur und kenne die Künstler und Künstlerinnen hier schon. Das hat sich bei mir ein wenig verteilt. Ich habe halt zwei, drei Künstlerfreunde in Zürich, dann in Bern noch und in Berlin. Hier in Winterthur habe ich vor allem mit Valentin Magaro Kontakt.

SK: Du hast schon vorhin gesagt, dass Du Deine Kunst im Prinzip überall machen kannst. Du bist sehr flexibel, dadurch auch frei. Ist Dir dadurch die Einbindung in das ganze soziale Gefüge um die Kunst, in eine bestimmte Kunstszene, weniger wichtig?

MG: Ja, aber durch die drei Kinder, die Familie und den Freundeskreis bin ich schon sehr in Winterthur verankert. Aber eben über die Familie und eigentlich weniger über die Kunst.

SK: Von Winterthur nach Berlin: Du hast auch in der filiale in Berlin schon mehrmals ausgestellt: 2006 in der Gruppenausstellung Scary Tales, dann 2007 mit Anja Schrey, und momentan läuft auch wieder eine Ausstellung in diesem Kunstraum, der von der Galerie Römerapotheke und der Galerie Conrads geführt wird. Es gibt sehr viele junge Künstler, die nach Berlin strömen und finden, es bieten sich dort die besten Möglichkeiten, sich kreativ zu betätigen, nicht zuletzt, weil der Kunstmarkt boomt. Wie beurteilst Du die Stadt und Deine Möglichkeiten dort?

MG: Ja, die Stadt gefällt mir gut. Ich finde es schon auch spannend dort und kann mir vorstellen, dass es faszinierend ist für junge Künstler. Als ich dort war, immer im Herbst, ist ja noch die Messe, und es ist dann viel los. Es herrscht eine besondere Stimmung, und es sind extrem viele Leute wegen der Kunst in Berlin. Das ist toll, aber ich glaube, es ist auch sehr schwierig. Die Konkurrenz ist natürlich extrem gross. Das Geld fehlt ja in Berlin. Es jammern eigentlich alle, dass sie zu wenig Geld haben. Und ich glaube, von diesem Kunstboom profitieren bis jetzt eigentlich nur die grossen Galerien. Die anderen sind dort, weil sie hoffen, dass sie auch etwas von diesem Kunstboom profitieren.
Wenn ich dort bin, komme ich immer sehr inspiriert und motiviert zurück, weil ich so viel sehe, mit so vielen Leuten spreche. Dann habe ich immer das Gefühl, wieder zu wissen, was ich will und was nicht. Aber sonst, von der Stadt her, denke ich, ist es auch sehr schwierig, weil sehr viele Leute in der gleichen Situation sind. Schliesslich ist es ja auch wichtig, dass es eine Durchmischung gibt, sonst steht man sich auf den Füssen und alle wollen das Gleiche. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass Berlin längerfristig für den Kunstmarkt wichtiger wird, weil die Stadt seit ein paar Jahren ein Magnet ist, der Galerien anzieht aus ganz Deutschland, aus ganz Europa und Amerika. Die Galerien kommen nach Berlin und dadurch kommen sicher früher oder später Sammler. Das ist ja auch die Hoffnung und deshalb gehen wahrscheinlich alle dorthin.

SK: Wie beurteilst Du als Künstler die momentane Situation des globalisierten Kunstmarktes und die Tendenz, dass Kunst zunehmend mit Events verbunden wird, zum Beispiel an Messen wie der Art Basel Miami Beach oder die vielen Kunstbiennalen, all diese Durchlauferhitzer für den Markt? Macht sich da nicht auch ein Widerstand in einem bemerkbar, sich in dieses System einzufügen?

MG: Ja, es hat halt beide Seiten. Es ist bei mir schon so, dass ich sagen muss, ich lebe auch ein wenig von diesem Zirkus und habe auch von diesen Messen profitiert. Die Galerie Römerapotheke ist sehr aktiv und geht an Messen, nach Miami, nach London, nach Basel und Berlin. Und jetzt sind sie in Seoul an einer Messe. Das ist für mich bis jetzt auch sehr gut gewesen, weil ich an neue Kunden komme und sich dadurch der Kreis immer erweitert. Den ganzen Zirkus, den muss ich ja nicht unbedingt mitmachen. Solange ich deswegen nicht zu Kompromissen in meiner Arbeit gezwungen werde. Aber klar stört mich dieser Hype, der jetzt um Kunst passiert. Oder was ich gestern grad gelesen habe über Damian Hirst, dass der Picasso schlägt von den Preisen her. Ich finde, das kann irgendwie gar nicht sein. Das ist schon eine ungesunde Entwicklung. Ich denke, der Höhepunkt ist bald erreicht. Auch für alle Beteiligten, für die Galerien, für die Sammler, ist das ein Stress. Und am Schluss verliert man womöglich noch die Freude an der Kunst. Ich denke, da müsste man sich etwas besinnen und etwas weniger Party machen. Ich könnte mir aber ebenso gut vorstellen, dass das immer noch weiter geht, dass das ein grosser Boom ist, der noch nicht zu Ende geht. Irgendwann wird es sicher mal einknicken. Aber es kann ja sein, zum Beispiel, wenn die Wirtschaft Probleme hat, dass die Leute mit Geld Kunst noch attraktiver finden, weil die Aktien es nicht mehr sind.

SK: Und Kunst zu einem reinen Spekulationsgut wird?

MG: Vielleicht. Das wäre dann definitiv nicht gut für die Kunst.

SK: Und wenn Du merken müsstest, dass auch mit Deinen Werken spekulativ umgegangen würde?

MG: Das ist ja nicht, was ich will. Ich bin auch froh, wenn keine Spekulanten meine Werke kaufen, sondern wirklich Sammler. Aber ich glaube, meine Arbeiten sind weniger interessant für Spekulanten, sondern eher für „Liebhaber“.

SK: Was macht denn für Dich eine gute künstlerische Arbeit aus?

MG: Ja, das ist sehr schwierig zu beantworten. Ich glaube, wahrscheinlich kann ich das gar nicht so sagen, weil eben viel auch über das Gefühl geht.

SK: Und von Deiner eigenen Arbeit ausgehend?

MG: Die Malerei ist für mich eine eigene Sprache, die ich nicht gut in die geschriebene oder gesprochene übersetzen kann. Ich möchte, dass möglichst viel in meinen Werken drin ist, auch gegensätzliche Stimmungen und Gefühle, so zwischen Gut und Böse, zwischen Leben und Tod, zwischen zeitgenössisch und zeitlos. Wenn ich jetzt zum Beispiel in Berlin bin und mir viele Arbeiten anschaue, dann gibt es halt einige, die mich packen, die ich länger anschaue. Es muss mich irgendwie abholen, das ist schwierig zu sagen. Und klar, ich habe gerne Malerei und Zeichnung. Dann mag ich auch gerne, wenn etwas sorgfältig oder gekonnt gemacht ist. Eher so altmeisterlich. Alte Bilder gefallen mir sowieso. Mit alter Malerei kann ich meistens mehr anfangen als mit der zeitgenössischen Kunst. Aber, zum Beispiel in Berlin, da habe ich auch eine Installation von Thomas Hirschhorn gesehen, die mir sehr gut gefallen hat. Es ist überhaupt nicht so, dass es mir bei seinen Installationen immer so geht. Dort hat mich zum Beispiel der Inhalt angesprochen. Bei ihm finde ich halt die Inhalte sehr stark. Manchmal ist es der Inhalt, der mich überzeugt, ein andermal vielleicht mehr die Form. Das hängt auch von meiner Stimmung ab.

SK: Gibt es auch Kunst, mit der Du überhaupt nichts anfangen kannst?

MG: Ja, es gibt vieles. Ich bin skeptisch gegenüber Kunst, die riesengross und mit einem riesigen Aufwand gemacht ist, sei es technischer Aufwand, Materialschlachten oder dergleichen. Das mag ich eigentlich nicht so. Schliesslich habe ich halt auch gerne, wenn etwas wertvoll ist, wenn etwas vom Material oder von der Art her sinnlich ist. In der Malerei hängt es auch nicht vom Motiv ab, ob mir ein Bild gefällt oder nicht. Es sind andere, schwer benennbare Dinge entscheidend.

SK: Es ist sehr spannend, dass Kunst manchmal auf der emotionalen Ebene anspricht und manchmal auf einer intellektuellen. Bei der Rezeption von Kunst spielt ja auch die Kunstkritik eine wichtige Rolle, geschriebene Texte, die eine Annäherung ermöglichen. Du hast 2004 in der Edition Patrick Frey ein Künstlerbuch herausgegeben. Dort sind 41 Zeichnungen von Dir in Originalgrösse abgebildet, dazu kommt ein Text von Peter Stamm, dem Winterthurer Schriftsteller. War es für Dich eine bewusste Entscheidung, in dieser Publikation keinen kunsthistorischen oder kunstwissenschaftlichen Text zu veröffentlichen, sondern eben einen literarischen Text?

MG: Ja, eigentlich schon. Ich kenne Peter Stamm ein wenig. Er wohnt hier in der Nähe und er hat auch einmal eine Zeichnung von mir gekauft. Da haben wir uns kennen gelernt. Dann beim Buch ist mir die Idee gekommen. Mir gefallen seine Texte sehr gut. Ich habe auch schon Texte zu Bildern von ihm gelesen, die mir auch immer gut gefallen haben. Und da dachte ich mir, ich könnte ihn mal anfragen, auch weil ich weiss, dass er einen Zugang zu meiner Arbeit hat. Wir sind uns nahe, auch von der Einstellung her, was ich vorher schon gesagt habe. Da gibt es eine Verwandtschaft. Ich finde es immer noch extrem schön, dass er den Text geschrieben hat. Und er gefällt mir auch extrem gut. Aber es ist nicht so, dass ich jetzt grundsätzlich skeptisch bin gegenüber Äusserungen von Kunsthistorikern.

SK: Es geht also nicht um eine Verweigerungshaltung, eine Skepsis gegenüber der Interpretierbarkeit oder einer theoretischen Ausdeutung Deiner Arbeit?

MG: Nein. Es ist so ein schönes, geschlossenes, reduziertes Büchlein geworden und mit diesem Text noch mehr.

SK: Ein Künstlerbuch.

MG: Genau. Das ist vielleicht auch etwas schwierig, vor allem für Leute, die den Zugang nicht so einfach haben. Die sind dann vielleicht etwas alleine gelassen.

SK: Ganz aktuell ist ja Deine Ausstellung in Genf, wo Du einen Schritt in die Westschweiz wagst. Gibt es spezifische Projekte, die für Dich in nächster Zukunft anstehen, eine Richtung, in die Du Dich entwickeln möchtest?

MG: Die Ausstellung in Genf, die hat sich jetzt einfach so ergeben. Und klar, wenn es dort gut läuft, dann würde ich gern wieder in Genf ausstellen. Die Stadt ist halt auch ein Tor zur französischsprachigen Welt, nicht nur zu Frankreich. Genf ist eine sehr internationale Stadt. Und sonst, andere Projekte? Ich möchte einfach weiterarbeiten an meinen Bildern. Die Ölmalerei möchte ich wieder etwas intensivieren, die war ja jetzt länger auf der Seite.

SK: Und wieder mehr Farbe in die Bilder bringen?

MG: Und etwas mehr Farbe. Jetzt muss ich auch wieder neue Fotos machen. Wie soll ich sagen? Ich möchte möglichst in Ruhe und konzentriert weiterarbeiten. Das ist eigentlich mein Projekt.






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